Abenteuer Alpenhütte – Empfehlungen der Redaktion

Nichts ist langweiliger als Wellness in einem Fünf-Sterne-Hotel.
Das richtige Leben spielt sich oben
auf dem Berg, in den Alpenhütten ab.

CapannaMargherita_Winter

Ein Dialog aus einem Internet-Forum in Kurzform: „Hey Leute, kennt ihr Berghütten, die lecker vegetarisches Essen anbieten?” – Antwort: „Da gibt’s nur wenige. Aber Spaghetti Bolognese bekommst du sicher überall, oder?” – „Danke für den Tipp! Verrätst du mir bitte noch, wo der Wirt das vegetarische Hackfleisch für die Soße einkauft?”
Gut gemeint ist eben auch daneben. Allerdings: Den Fleisch-Verweigerern kann immer öfter geholfen werden. So manche AV-Hütte hat inzwischen Speisen auf der Karte, die mehr sind als Standardgericht minus Schnitzel oder Gulasch. Auch Bio-Kost ist manchmal im Angebot. Und selbst Bergfreunde mit Gluten-Allergien oder anderen Lebensmittel-Unverträglichkeiten müssen auf einigen
Stützpunkten wie dem Watzmannhaus nicht mehr mit knurrendem Magen ins Lager kraxeln.
Auch sonst hat sich einiges verändert in den vergangenen Jahren. Seit 2004 sind alle DAV-Häuser nikotinfreie Zonen. Und immer öfter wird man von gut gelaunten Nepali bedient, die einen Sommer lang harte Euros oder Schweizer Franken verdienen wollen oder müssen, um ihre Familien zuhause durchzubringen. Etwas verstörend ist es dann aber doch, wenn man in Katmandu ein Tiroler Pärchen kennenlernt und auf die Frage nach ihrem Trekking-Ziel zur Antwort bekommt: „Wir wollen gar nicht wandern. Wir ‚kaufen’ uns hier einen Hilfskoch für unsere Hütte ein.”

Was sich leider nicht verändert hat: Wer berühmte Gipfel besteigen will, kommt an bestimmten Hütten einfach nicht vorbei. Sie sind dann ein notwendiges, meist überfülltes Übel auf dem Weg nach oben, grantige Wirte und Mondpreise manchmal inklusive. Bessere Karten hat, wer die Hütte selbst zum Ziel seiner Träume macht. Herbergen mit stinkenden Sickergruben, die nachmittags um drei schon keinen Sonnenstrahl mehr abbekommen, lässt man dann eben links liegen. Das gilt
auch für Hütten mit Zustiegen, bei denen man bis zum Knöchel in Kuhmist watet. Man wählt stattdessen zum Beispiel Häuser, die nur am Wochenende bewirtschaftet sind. Denn deren Wirte haben meist gute Laune, weil sie nicht die ganze Saison oben am Berg „gefangen” sind.
Die beste Hütte, liebe Leser, wollen und können wir Ihnen trotzdem nicht nennen. Das muss schon jeder selbst herausfinden. Wir beschränken uns auf Herbergen, die mit Superlativen glänzen – nach nachprüfbaren oder auch nur subjektiven Kriterien. Viele verbinden mit ihren persönlichen Hütten-Favoriten ohnehin ganz einfach schöne Erinnerungen. Und das ist auch gut so. Ist man nämlich mit den richtigen Leuten am richtigen Ort, dann gilt: Platz ist in der kleinsten Hütte!

Die Höchste – Capanna Regina Margherita (4.554 m)

Capanna_Margherita

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Mein Kumpel Mario, von Beruf sparsamer Schwabe, rief mich ganz aufgeregt an: Er habe gerade mit den Höhenmedizinern auf der Margherita-Hütte telefoniert. Sie böten ihm eine ganze Woche freie Kost und Logis auf dem höchstgelegenen Schutzhaus der Alpen an, wenn er im Gegenzug an Experimenten zur Erforschung der Höhenkrankheit teilnähme. In der
freien Zeit könne er nach Herzenslust zum Bergsteigen gehen. Zwei Tage später kam eine SMS von ihm: „Ich glaube, mir zerplatzt gleich der Schädel!” – ganz so spaßig ist es eben doch nicht, sich ohne Akklimatisation in solche Höhen vorzuwagen. Er bestieg zwar dann noch Lyskamm, Dufourspitze & Co., aber die Teilnahme an einer weiteren Testreihe hat er höflich ausgeschlagen.
Tatsächlich lag schon bei der Einweihung der Hütte auf dem Gipfel der Signalkuppe im Jahr 1893 das Hauptaugenmerk auf einer wissenschaftlichen Nutzung. Der Transport der zehn Tonnen Baumaterial an den Fuß der Gipfelflanke war eine logistische Meisterleistung für die damalige Zeit. Königin Margarethe von Italien war so begeistert, dass sie gleich im ersten Sommer, noch vor der offiziellen Eröffnung, zu der nach ihr benannten Hütte selbst aufstieg und auch oben übernachtete.
1980 wurde die CAI-Hütte neu gebaut. Die Holzkonstruktion ist mit einem Kupfermantel versehen, der die Hütte nach dem Prinzip des Faraday’schen Käfigs vor den hier oben häufigen Blitzeinschlägen schützt. Die Versorgung übernehmen Hubschrauber, Wasser gibt’s nur für die Küche – für die „Katzenwäsche” bringt man feuchte Tücher mit.

Informationen zur Hütte

Talort/Region: Alagna, PiemontCapanna_Marg_Innen
Schlafplätze: 70, (12 Winterlager)
Hütteninfo: info@rifugimonterosa.it,
T. 0039/(0)163/9 10 39, Reservierungen ausschließlich unter T. 0039/(0)348/1415490;
Im Winter ist die Hütte geschlossen. Öffnungszeiten im Sommer 2013: 22. Juni
bis 8. September (Termine abhängig von
den Betriebszeiten der Bergbahnen, Info
unter www.freerideparadise.it)
Zugang: Der kürzeste Zustieg erfolgt in fünf bis sechs Stunden via Punta Indren (Seilbahn) und Gnifettihütte (3.647 m). Notwendig ist eine Hochtourenausrüstung mit Seil, Gurt, Steigeisen und Pickel.
(Ski)Touren: Zumsteinspitze (4.563 m), Dufourspitze (4.634 m), Nordend (4.609 m), Lyskamm
(Ostgipfel 4.527 m)
Karten/Medien: Daniel Anker/Marco Volken: „Monte Rosa – Königin der Alpen”, AS Verlag, 2009

Die Coolste Architektur – Monte Rosa Hütte (2.883 m)

Monte-Rosa-Hütte_5

Wer jemals ein Haus gebaut hat und dabeian den Ideen der Architekten fast verzweifeltist, findet seit dem Jahr 2009 einen Ort, andem er sich wunderbar rächen kann: Denn die spektakuläre neue Monte Rosa-Hütte oberhalb von Zermatt zieht nicht nur Bergsteiger in Scharen an, sondern auch Architektur-Touristen. Viele unterschätzen jedoch den hochalpinen Zustieg und taumeln in eher ungünstigem Schuhwerk ziemlich hilflos dem Objekt ihrer Begierde entgegen. Die Hüttenwirte erzählen von Touristen, die keinen Fuß mehr auf das Gletschereis setzen wollten und ausgeflogen
werden mussten. Verstehen kann man das Interesse durchaus: Denn die Hütte am nordwestlichen Fuß des Monte Rosa-Massivs mit freiem Blick zum Matterhorn ist ein echter Hingucker. Zum 150-jährigen Jubiläum der ETH Zürich wurde 100 Meter oberhalb der alten Hütte die „Berghütte der Zukunft” für mehr als vier Millionen Euro errichtet. Nach sechs Jahren Planung und zwei Sommern Bauzeit konnte die neue Monte Rosa-Hütte „Bergkristall” im September 2009 ihre Pforten öffnen. Auf einem achteckigen Stahlbetonsockel wurden fünf Geschosse in Holzbauweise und mit einer Aluminiumhülle errichtet. Das neue Gebäude ist ein Musterbeispiel für nachhaltige Energienutzung: Photovoltaikanlage, Belüftungsanlage mit Wärmerückgewinnung, Wasserkreislauf für WC und Waschmaschine sowie intelligente Haustechnik ermöglichen der Hütte, ohne Strom- und Wasseranschluss einen Teil der benötigten Energie regenerativ zu erzeugen. Für Schlechtwetterperioden steht ein mit Rapsöl und Diesel betriebenes Blockheizkraftwerk zur Verfügung. Im Prinzip alles super – nur mit der Zufahrt hätten sich die planenden Architekten etwasmehr Mühe geben können…

 

Informationen zur Hütte

Talort/Region: Zermatt, Wallis Arbeit von Julia&Co.Monte-Rosa-Hütte_2
Schlafplätze: 120 Betten, Winterraum (12 Lager)
Hütteninfo: www.neuemonterosahuette.ch,
www.sectionmonterosa.ch/cabanes_4.htm,
geöffnet von Mitte März bis Mitte September
Zugang: Von der Bahnstation Rotenboden
der Gornergratbahn aus (3 – 4 Std.); der Weg
über den Gornergletscher ist anspruchsvoll (Hochtourenausrüstung!). Durch den Rückzug
des Gletschers wurde der Hüttenweg länger und schwieriger, als Tagestour nur für konditions-
starke Bergsteiger geeignet.
(Ski)Touren: Dufourspitze (4.634 m), Nordend (4.609 m), Signalkuppe (4.554 m), Jägerhor (3.970 m),
Lyskamm (Ostgipfel 4.527 m), Castor (4.223 m) und Pollux (4.092 m)
Karten/Medien: Tonatiuh Ambrosetti: „Neue Monte- Rosa-Hütte SAC:
Ein autarkes Bauwerk im hochalpinen Raum”, gta-Verlag, Zürich 2010;
Daniel Anker/Marco Volken: „Monte Rosa – Königin der Alpen”, AS Verlag, 2009

 

Text: Günter Kast Fotos: Almhütten

 

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