Allheilmittel Schneekanone?

In Sachen künstlicher Beschneiung wird auch in den deutschen Alpenrand stark aufgerüstet. Experten sind sich jedoch uneinig,
ob Speicherteich und Schneekanone dem Klimawandel langfristig Paroli bieten können.

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Die Witterungsbedingungen zur Eröffnung der „schlagkräftigsten Beschneiungsanlage Deutschlands”
im Dezember 2006 hätten ungünstiger kaum sein können. Wegen anhaltender Plusgrade konnte nur an
zwei Tagen Mitte des Monats richtig beschneit werden. Vorher und danach war es einfach zu warm.
Anfang Januar 2007 wurden die Lifte an der Suttenabfahrt sogar abgestellt – wegen weiterhin zu hoher Temperaturen.
Dennoch stellten die Baumaßnahmen im Skigebiet Spitzingsee quasi den Startschuss für eine wahre Erschließungswelle hinsichtlich künstlicher Beschneiung am bayerischen Alpenrand dar: Für die Ski-WM 2011 wurden oberhalb von Garmisch-Partenkirchen an der Horn-Abfahrt und Kandahar-Abfahrt die damals größten Speicherbecken Deutschlands in die Bergwelt gebaut. 2012 grub man am Brauneck einen riesigen, 100.000 Kubikmeter fassenden Speicherteich in die Ostflanke des beliebten Münchner Hausbergs.

Getoppt wird dieser allerdings von einem geplanten Speicherteich am Sudelfeld, der noch einmal 75.000 Kubikmeter mehr an Wasser aufnehmen soll. Eine breite Allianz von sieben Umwelt-verbänden brachte Anfang 2012 eine Petition gegen das Sudelfeld-Projekt im Bayerischen Landtag ein. Gestützt auf eine OECDStudie aus dem Jahr 2007 war eines ihrer Hauptargumente, dass der Skisport am bayerischen Alpenrand generell keinen langfristigen Sinn mache. „Bei einem weiteren Temperatur-Anstieg”, so die Studie „um nur ein Grad wird die Zahl der schneesicheren Ski-Gebiete in Deutschland bereits um 60 Prozent sinken. Steigt die Temperatur um 4°C an, werden letztlich wohl nur die Skipisten auf der Zugspitze und vielleicht auf dem Nebelhorn übrig bleiben.”

Die Liftbetreiber hielten den Kritikern wiederum eine von der Ludwig-Maximilians-Universität für das Sudelfeld Gebiet erstellte Klimastudie entgegen. Diese kommt zu dem Ergebnis, dass es auch in den nächsten 20 bis 25 Jahren dort kalt genug sein werde, um eine Wintersaison mit 100 Skitagen gewährleisten zu können.

Das sieht Hartmut Graßl, einer der renommiertesten deutschen Klimaforscher und wichtigster Berater der Bayerischen Staatsregierung, auf diesem Gebiet allerdings etwas anders. Ende 2011 wandte er sich in einem Interview gegen die Förderung der Skigebiete durch Staatsmittel.

Schneekanonen_2

„Es ist klar, dass tief liegende Skigebiete wie das Sudelfeld in 20 oder 30 Jahren pleitegehen,
weil sie zu wenig schneesicher sind und es oft zu warm ist für eine Beschneiung”, so der Experte.
Auch eine Studie des Umweltministeriums und der IHK Bayern mit dem Titel „Folgen des Klimawandels” kommt zu dem Schluss: „Besonders in Lagen bis 1.500 Meter nimmt die Schneesicherheit dramatisch ab. […] Höhere Lagen werden in Zukunft stärker nachgefragt, während kleinere und tiefer gelegene Skigebiete immer mehr Kunden verlieren. Skifahren wird viel teurer, und etablierte Markenbegriffe, wie z.B. ‚Schneebayern’, wird es nicht mehr geben.” Der Deutsche Skiverband betont auf seiner Website: „Nach wie vor ist eine sinnvolle und effiziente Beschneiung von Pisten nur bei Temperaturen unter dem Gefrierpunkt möglich. Leichte Minusgrade um -2°C über mehrere Tage hinweg sind die Voraussetzung, damit die feinen Wassertröpfchen gefrieren können. Zudem muss das zugeleitete Wasser ebenfalls kalt genug sein.”

Und genau das wird schon jetzt zu einem immer größeren Problem. Fällt nämlich – wie im Frühwinter
2011/12 – überhaupt kein Schnee, dann sind die (kalten) Wassermengen der Speicherbecken schnell erschöpft. Als Konsequenz wird an Kandahar deutlich zu warmes Grundwasser aus dem Tal hochgepumpt und mit hohem Energieaufwand sogar vorgekühlt.

Für Befürworter wie Gegner war es eine Überraschung, als der Bayerische Umweltminister Marcel Huber (CSU) auf Distanz zu den millionenschweren Förderprogrammen des Freistaats für den Ausbau von Skigebieten ging. „Angesichts des Klimawandels muss man ein Fragezeichen hinter Projekte machen,
wie sie am oberbayerischen Sudelfeld laufen”, sagte Huber Mitte März 2012 und erklärte weiter:
„Das muss auch Folgen für die Förderpraxis haben.” Mit Huber signalisierte erstmals ein Mitglied
der Staatsregierung Zustimmung für die Forderung von Umweltverbänden, der Freistaat dürfe Beschneiungsanlagen nicht mit Steuergeldern bezuschussen.

Die Petition der sieben Umweltverbände wurde einen Monat später trotzdem abgelehnt. Der Baubeginn verzögerte sich dennoch um ein weiteres Jahr: Für die für eine endgültige Genehmigung erforderlichen „ökologisch aufzuwertenden Ausgleichsflächen” hatte die Sudelfeld Bergbahnen GmbH rund 40 Hektar Almgrund in den Audorfer Bergen im Gemeindegebiet von Oberaudorf vorgesehen. Doch die Verträge mit den acht Eigentümern genügten laut Unterer Naturschutzbehörde nicht den rechtlichen Anforderungen an eine dauerhafte Sicherung der Kompensationsmaßnahmen. Zudem waren einige Almbesitzer nicht dazu bereit, sich durch diese „dingliche Sicherung” quasi für immer vorschreiben zu lassen, was sie auf ihrem Grund tun dürfen und was nicht.

Hot Spot – Brauneck

speicherteich_brauneck_04„So krass habe ich mir das nicht vorgestellt.“ Der Originalton eines Lenggrieser Skischul-
betreibers beim erstmaligen Betrachten der Großbaustelle im Juli 2012 spricht Bände. Und eine kurz darauf erscheinende Wanderin betont: „Eigentlich will ich hier eine Tour unserer Wander-gruppe vorplanen. Doch in Zukunft werde ich
ums Brauneck einen
großen Bogen machen.“
Über den langfristigen Sinn
des neuen Speicherteichs gehen
die Meinungen auseinander – über die Auswirkungen auf das Landschaftsbild hingegen nicht.

What2do

Gerade der deutsche Alpenrand ist prädestiniert, seine Zukunft eher im Sommer- als im Wintertourismus
zu sehen (vergleiche auch All- Mountain – Sommerfrische 2.0). So betreiben laut eines CIPRA-Dossiers „im Allgäu nur rund 20% der Gäste Wintersport, rund 80% gehen wandern oder fahren Rad. Zudem kommen auch viele Winterurlauber ohne Ski. In Garmisch-Partenkirchen sind dies beispielsweise fast 90% der Gäste im Winter.“ Anstatt kurzfristiger Anpassungsstrategien, also die Landschaft zu beeinträchtigen, sollten die bayerischen Skigebiete lieber auf ihren urigen Charme setzen.

 

Text und Fotos: Michael Pröttel

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