Ab nach Bella Coola – ein Besuch bei den Freeride-Filmern

In keiner Ecke British Columbias wurden mehr spektakuläre Ski-Filme gedreht als in den Küstenbergen bei Bella Coola. Hier treffen sich Freerider, die es gern „steep & deep” haben.
Mit etwas Glück werden sie von Pete „The Swede” Mattson begleitet. Den Typen muss man einfach kennenlernen.

Small Group Heli-Skiing at Bella Coola Heli Sports, Bella Coola, BC, Canada

Hey, bist du’s wirklich? Ich glaub’ es nicht!” Gareth und Woody fallen sich in die Arme. Sie haben sich seit 20 Jahren nicht mehr gesehen. Seit jener Zeit, als sie in Chamonix als Ski-Bums jobbten und jede freie Minute in den steilsten Couloirs des Mont- Blanc-Massivs verbrachten. Gareth hat inzwischen eine eigene Firma in Kalifornien, Woody arbeitet als Ski-Guide für Bella Coola Heli Sports. Dass sie sich hier, in diesem abgelegenen Winkel Nordwest-Kanadas, einmal treffen würden, ist dann aber doch keine so große Überraschung. Irgendwann landen alle hier, die es gern etwas extremer wünschen. In den meisten Heli-Revieren British Columbias flechten in die Jahre gekommene Anwälte und Chirurgen gepflegte Zöpfe in den Powder. Hier in Bella Coola ist „Big Mountain Skiing” angesagt. Eine Kostprobe davon gibt’s gleich am ersten Tag. Pilot Richard setzt uns auf einem überwechteten Grat ab, der kaum größer als ein Adlerhorst ist. Gareth schaut verunsichert in die Tiefe, so als ob er plötzlich doch lieber spießige Zöpfe flechten möchte. Dann gibt er Vollgas wie in alten Ski-Bum-Zeiten – und rammt sich gleich mal einen Skistock ins Auge. Beim Outdoor-Lunch legt er eine Gurkenscheibe aus seinem Sandwich zur Kühlung auf das sich prächtig entwickelnde Veilchen. Zu Woody sagt er: „Verdammt steil hier!” Pilot Richard gönnt sich auch eine Pause. „Steil”, sagt der 56-Jährige mit der Piepsstimme, „ist ein relativer Begriff.” Er hat mit den weltbesten Freeridern wie Shane McConkey und Seth Morrison hier Filme gedreht. Sie vertrauten ihm, weil er einer der besten Piloten des Planeten ist. Richard fliegt sein Leben lang und für sein Leben gern. Er war gleich nach dem Genozid in Ruanda für das kanadische Militär im Einsatz, danach in Somalia.Heli-skiing in Bella Coola, British Columbia.

Für Richard endet sein Job nicht, wenn er die Freerider auf einem schmalen Schneegrat ausgesetzt hat: „Das eigentliche Drama beginnt erst nach der Landung. Ich zittere mit ihnen. Hoffe, dass sie den Run heil überstehen.” Manchmal hilft das, manchmal nicht. Er hat Abstürze gesehen, bei denen sich die Fahrer 30 Knochen brachen. Der Schweizer Gilles Voirol starb hier bei einem Dreh, vor Richards Augen. Er kannte natürlich auch McConkey, den vielleicht coolsten Big-Mountain-Skier aller Zeiten. Gemeinsam drehten sie in Bella Coola für Warren Millers „High Society”. McConkey kam 2009 bei einem B.A.S.E-Jump in den Dolomiten ums Leben. Zuletzt war Richard für die derzeit wohl weltbesten Skifilmer, Sherpas Cinema aus Whistler („All.I.Can.”), für ihren neuen Streifen „Into the Mind” in den Bergen hier im Einsatz. Den Typen, der das alles einfädelt, hört man meist, ehe man ihn sieht. Pete „The Swede” Mattson hat eine krächzende und raumfüllende Stimme. Und sie hat selten Pause. Selbst jetzt, im Schwitz-Tipi der Tweedsmuir Park Lodge, wo Bella Coola Heli Sports sein luxuriöses Basislager hat. Mit einer Flasche Kokanee-Bier in der Hand erzählt der gebürtige Schwede (58), wie er als skiverrückter Wikinger den Wilden Westen Kanadas eroberte. Zuerst ließ er sich in Whistler nieder – vor 30 Jahren noch ein unbekanntes Kaff nördlich von Vancouver. Zusammen mit dem Schweizer Beat Steiner, heute einer von Petes Partnern bei Bella Coola Heli Sports, begann er, Ski-Filme zu produzieren. Beat stand hinter der Kamera, Pete auf Skiern. Als er älter wurde, überließ er es anderen, sich in die steilen Flanken der Küstenberge zu stürzen. Pete wurde ein gefragter Berater bei spektakulären Filmproduktionen. Er gibt zwar einen nicht zu bremsenden Spaßvogel, aber in den Bergen ist sein Verstand hellwach. Er hat ein verdammt gutes Gefühl dafür, welcher Run gerade noch vertretbar ist, und welcher Hang den Jungs vielleicht das Genick bricht, weil er mit fetten Schneebrettern aufgeladen ist. Wenn es um das Thema Sicherheit geht, kann er richtig spießig werden. Selbst die coolsten Freerider verlassen sich auf den Wikinger. Wenn „The Swede” den Daumen senkt, bleibt der Hang jungfräulich.

The Tweedsmuir Lodge in Bella Coola, British Columbia.

Irgendwann entdeckte der gelernte Koch bei Dreharbeiten Bella Coola. Er war von dem Ort und dem
Tal mit dem klingenden Namen aus der Sprache der hier siedelnden Indianer restlos begeistert: „Alles ist größer hier, wilder, höher, steiler.” Bis zu 4.000 Meter ragen die schroffen, stark vergletscherten Küstenberge auf. Dazu die Nähe zum Meer, das spektakuläre Panorama mit den tief eingeschnittenen Fjorden. Vor allem aber: Zehn bis 15 Meter Schnee pro Saison! Ein wahres Powder-Shangri-La! Dem Schweden war klar, dass das Bella Coola Valley nicht lange einEagle Pair photo Mike Wigle and Tweedsmuir Park Lodge Geheimtipp bleiben würde. Damit ihnen niemand ihren Lieblingsdrehort vor der Nase wegschnappt, sicherten sich Pete und seine
Partner so schnell wie möglich selbst die Heliski-Lizenz, heute mit 10.000 Quadratkilometern eines
der größten HeliGebiete der Welt. Der nächste Tag beginnt mit einer Hiobsbotschaft: Down Day! So heißen die Tage, an denen aus Wettergründen nicht geflogen werden kann. In der gemütlichen Lodge ist das aber nicht schlimm. Es ist ein Platz zum Rundum-Wohlfühlen. Mit einem offenen Kamin, in dem schon frühmorgens ein wärmendes Feuer knistert. Man kann dort mit seinem duftenden Kaffee in der Hand den Blick auf die tief verschneiten Berge genießen. Als kleiner Junge hatte man sich einen Winter in Kanada genau so vorgestellt. Das Gefühl stellt sich auch deshalb so intensiv ein, weil die Lodge fast am Ende der Welt liegt. Dieses glaubt man tatsächlich erreicht zu haben, wenn man in einer kleinen Propellermaschine im Bella Coola Valley landet. Peter 'the Swede' Mattsson Bella Coola HelisportsAm nächsten Morgen erscheint „The Swede” in Skiklamotten zum Frühstück. Woody meint, das sei ein gutes Zeichen, denn der Boss komme nur bei perfekten Bedingungen mit raus. Tatsächlich wird es ein Traumtag. Der frisch gefallene Schnee funkelt in der Sonne. Nachdem uns Richard mit dem Heli sanft abgesetzt hat, nimmt Pete den ideal geneigten Hang unter die breiten Latten. Er fährt wie einer, der niemandem mehr beweisen muss, dass er Tiefschneefahren kann.
In die 20 Zentimeter Pulverauflage zeichnet er eine Line, die so ästhetisch perfekt ist wie das Monogramm eines königlichen Zuckerbäckers auf der Hochzeitstorte für seine Tochter. Pete liest das Gelände wie andere ein Buch. Weiter unten im Wald, wo der Champagne Powder noch tiefer ist, wird das erst richtig deutlich. Für ihn sind die tief verschneiten Bäume keine Hindernisse, sondern natürliche Slalomstangen, mit denen man wunderbar spielen kann. Vielleicht schon morgen wird seine Spur zugeschneit oder vom Winde verweht sein. Und hier wahrscheinlich die einzige der ganzen Saison bleiben.

Info Kanada

Anreise: Der Star-Alliance-Partner Air Canada fliegt von Frankfurt am Main direkt nach Vancouver. Der Weiterflug von Vancouver nach Bella Coola mit Pacific Coastal am nächsten Morgen ist Teil des Heli-Packages. Ideal für die notwendige Zwischenübernachtung  ist das Fairmont-Hotel direkt am Flughafen.
Info: www.fairmont.com/vancouverairport/, Buchungen aus Deutschland unter T. 00800/0441/14 14
Veranstalter: Bella Coola Heli Sports (BCHS), www.bellacoolaheliskiing.com

BCHS bietet mehrere Programme an: Reguläres Programm mit der eleganten Tweedsmuir Park Lodge als Unterkunft: maximal 16 bis 18 Gäste; zwei A-Star-Helikopter bedienen je zwei Gruppen mit
je einem Guide und maximal fünf Gästen. Pantheon Heli Skiing mit Unterkunft in der White Saddle Ranch: ideal für private Gruppen, maximal acht Teilnehmer, eigenes Heli-Terrain rund um den stark
vergletscherten Mount Washington, British Columbias höchstem Gipfel. Big Mountain Heli Skiing Adventures (Unterkunft in der Tweedsmuir Park Lodge oder der Bella Coola Mountain Lodge): Big Mountain Vertical (Fokus auf maximale Höhenmeter, kleine Gruppen), Big Mountain Challenge (Fokus auf steile Abfahrten und Couloirs, nur für Könner!), Heli-Assist Ski Touring (Heli dient nur als Aufstiegshilfe für Skitouren in den Gletscherregionen). Es gibt ferner Heli-Safaris, die alle drei Programme, Gebiete und Lodges kombinieren. Beratung und Buchung in Deutschland (gleicher Preis wie bei Direktbuchung) more adventure Reisen, O. Kamphausen, Forsthausstraße 3, 61389 Schmitten / Ts., T. 0049/(0)6084/94 89 39, M. 0049/(0)152/22 75 78 79, www.moreadventure.de.

Totem Pole 3 photo Eric Berger and Bella Coola Heli Sports

Literatur: Bernd Wagner und Hans-R. Grundmann: Kanada – der ganze Westen mit Alaska, Reise Know-How Verlag, Bielefeld
AM-Tipp: Eine Heli-Woche lässt sich ideal mit Sightseeing in Vancouver verbinden. Wer vor der Rückreise einige Tage Zeit hat, sollte sich die Metropole am Pazifik unbedingt ansehen. Als Heli-Skifahrer wohnt man standesgemäß im ShangriLa Hotel in Downtown Vancouver: www.shangrila.com für die müden Beine nach dem Skifahren: eine Massage im „CHI”, dem preisgekrönten Spa des Hotels.
Tourist Info Vancouver: www.tourismvancouver.com, T. 001/604/68 2 22 22
Allgemeine Informationen Tipps zu Reisen nach British Columbia: www.BritishColumbia.travel,
T. Tourism BC toll free number: 001/800/Hello BC (435-56 22) Kostenloses Infomaterial in Deutschland unter T. 01805/52 62 32 (14 Cent/Min. aus dem dt. Festnetz) oder per E-Mail: info@infokanada.deCanadian Tourism Commission (CTC): http://de.canada.travel/.

 

Text: Günter Kast Fotos: Bella Coola Heli Sports

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