Firnfahren oder Antworten auf die Frage: Wie kann der Tourengeher/Freerider die Strahlung für sich nutzen?

„Hosch a Hirn, donn findest an Firn!“ Dieser eindrückliche Satz einer meiner Ausbilder auf dem Weg zum Skiführer blieb bis heute mein Leitsatz beim Firnfahren.
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Die Koordinaten guten Firns lassen sich nämlich nicht mit dem GPS finden, sondern rein durch die Denkweise, Taktik, Erfahrung und natürlich auch etwas Glück des Suchenden. Ort und Zeitpunkt einer genussvollen Firnabfahrt sind vor allem mit dem Parameter Strahlung verknüpft. Kurzwellige Sonnenstrahlung sorgt für die notwendige Energie zum Schmelzen der Schneekristalle. Diese ist stets am stärksten, wenn die Sonnenstrahlen im rechten Winkel zur Schneeoberfläche
auftreffen. Mit der Formel für die maximale Sonnenhöhe (SHmax = 90 – geografische Breite +/- Deklination) lässt sich mit 47 Grad nördlicher Breite für den 21. Dezember eine maximale Sonnenhöhe von 19,5 Grad errechnen,für den 21. März liegt der Wert bei 43 Grad. Somit liefert die
Sonne in unseren Breiten am 21. Dezember in einem 70,5 Grad steilen Hang die meiste Energie, hingegen bekommt der 47 Grad steile Hang am 21. März die meiste Sonnenenergie zu spüren. Ein Beweis dafür, dass in steilen Hängen früher Firn zu finden ist bzw. es auch früher auffirnt als in
flachen. Bleiben wir beim 21. März, jenem Datum, an dem die Nacht gleich lang ist wie der Tag. Für diesen Tag gilt auch, dass die Sonne exakt im Osten auf- bzw. im Westen untergeht. Der weise Firnfahrer kann den ganzen Tag mit der Sonne und den Schmelzprozessen bzw. dem Auffirnen
mitwandern. Vom steilen Osthang bis zum flachen Westhang bleibt der Spaß über den ganzen Tag erhalten. Ein weiterer, nicht unbedeutender Effekt der Sonnenstrahlung ist die enorme Setzung der Schneedecke im Frühjahr, vor allem an westgerichteten Hängen nach einem Neuschneefall.
Strahlungsgeometrie

Strahlungsgeometrie: Die Sonnenstrahlen sind am stärksten, wenn sie im rechten Winkel zur Schneeoberfläche auftreffen.

Meist innerhalb weniger Stunden ist der Schnee komplett umgewandelt und gewinnt deutlich an Stabilität. Der Gegenspieler zur kurzwelligen Sonnenstrahlung ist die langwellige Abstrahlung der Schneedecke, welche zum Gefrieren der Schneekristalle maßgeblich beiträgt. Jeder Körper verliert durch Abstrahlung Energie. Der Betrag ist über die Temperatur und die Materialeigenschaften des Körpers definiert. Am besten eignet sich grobkörniger, nasser Schnee mit hohen Temperaturen um null Grad für gute Abstrahlung zum Gefrieren. Trockener Neuschnee hemmt die Entwicklung von Firn. Ein Gegner der Abstrahlung ist der natürliche Treibhauseffekt. Dieser verhindert den kompletten Verlust der Energie durch Abstrahlung und schickt große Teile wieder zurück zur Schneedecke. Vor allem ist dieser Effekt groß, wenn die Luft feucht bzw. der Himmel bewölkt ist. Somit bekommt die Schneedecke den Großteil der abgestrahlten Energie wieder zurück und kann nicht mehr ordentlich frieren. Bedeckte oder teilbedeckte Nächte machen die Firnvorhersage schwierig. Eisklettern_Chile06_RAW0296

 

Albert Leichtfried, Meteorologe am ZAMG Innsbruck (Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik) www.albertleichtfried.at

Ein Blick auf den Verlauf der Luftfeuchte in der Nacht kann dabei helfen. Natürlich haben auch andere Faktoren wie Lufttemperatur und Schneedeckenaufbau einen wesentlichen Einfluss auf die Qualität des Firns. Hohe Temperaturen mit einer besorgniserregend hohen Nullgradgrenze machen das Frieren in tieferen Lagen unmöglich. Bereits Platon diskutierte über das „Wissen”: „Wissen ist wahre, gerechtfertigte Meinung.” Ohne entsprechende Meinung kann man also nichts wissen. Das Studium des Wetters und allen seinen Erscheinungsformen trägt sicherlich zu einem höheren Wissen für die jeweilige Tourenplanung bei. Der generelle Drang nach immer mehr Wissen sollte aber dennoch nicht zu stark übertrieben werden, denn leuchtende Augen sind immer noch das Wichtigste im Gebirge.

 

Text: Albert Leichtfried Foto: Ideenschmiede Berg

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