Apocalypse Snow: Auf welche Freeride-Regionen stehen die Pros?

Das Gespür der Kenner und Könner für unverspurten Schnee: Mountains4U hat „Berufsfreerider“ nach ihren Lieblings-Gebieten und -Runs gefragt – und überraschende Antworten bekommen.

Es gibt mehrere Möglichkeiten, die spannendsten Freeride-Reviere der Alpen ausfindig zu machen: Man kann sich dicke Bücher kaufen, nächtelang im Internet recherchieren – oder einfach diejenigen mit Fragen löchern, die von Berufswegen ständig im Pulverschnee herumtoben. Die Antworten, die wir dabei bekamen, haben uns durchaus überrascht, weil viele der ganz großen Namen unter den Freeride-Hotspots der Alpen fehlen. Gerade das scheint jedoch der Trend des Winters zu sein: Wenn in den angesagten Gebieten die besten Runs schon wenige Minuten nach der ersten Bergfahrt „umgepflügt“ sind, weicht man besser in unbekannte Locations aus. Oder steuert absichtlich Familienskigebiete an, von denen man weiß, dass die meisten Skifahrer dort auf den Pisten bleiben. Auf jeden Fall ist Flexibilität angesagt. Denn es bringt nichts, Monate im Voraus ein langes Wochenende in einem bestimmten Gebiet zu planen, wenn dort dann partout kein Neuschnee fallen will. „Go with the Snow“ lautet das Gebot der Stunde, und viele Profibergführer wie der Schwarzwälder Flory Kern haben das in ihren Programmen längst berücksichtigt: Sie fahren mit ihren Gästen spontan dorthin, wo Frau Holle am fleißigsten war. Auf den folgenden Seiten stellt Ihnen Mountains4u fünf Experten-Tipps vor – vom heimischen Wendelstein bis zu den engen und steilen Rinnen der Dolomiten, von leicht bis anspruchsvoll.
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Wer früher hochfährt, hat länger Spaß

1. PIA WIDMESSER, Teilnehmerin bei der Freeride World Tour und BWL-Studentin,
Gebiet: Wendelstein, Bayern

Als Alpenrand-Bewohnerin mit Basecamp in Kiefersfelden ist der Wendelstein ja fast mein Hausberg. Kinobesucher kennen ihn vielleicht aus dem Kultstreifen „Wer früher stirbt, ist länger tot“. Ich kenne ihn als kleinen, aber feinen Freeride-Berg, der vorwiegend bei Einheimischen beliebt und deshalb fast noch ein Geheimtipp ist. Allerdings nur fast: Immerhin wurde hier schon mal der „Vertical Extreme“-Contest ausgetragen. Wenn es frisch geschneit hat, liebe ich folgenden Ausflug in das etwas nostalgische Skigebiet: Ausgangspunkt ist die Talstation der Seilbahn Brannenburg in Osterhofen-Bayrischzell. Hinauf geht‘s auf etwa 1.700 Meter, wo sich Zahnradbahn und Gondel treffen. Oben angekommen fährt man zum Aufwärmen den kurzen, aber steilen „Hotelhang“, die schwarze Piste. Dann geht’s hinunter zum Lacher Schlepplift. Mit diesem wieder hinauf, rechts aussteigen, einige Meter hochstapfen und weiter am Grat entlang. Am Ende des Grats über Latschen in den Seehang einfahren, der je nach Schneelage leicht bis anspruchsvoll sein kann. Den Seehang runter Richtung ausgewiesene Piste, die meistens eine Buckelpiste ist, da hier nicht gewalzt wird. Dann erreicht man den Gleishang (wieder eine Buckelpiste) und fährt weiter bis zur Mitteralm. Die Alm liegt auf 1.200 Metern und serviert deftige Suppen und einheimische Gerichte. Hier lässt es sich gemütlich ausruhen und auf den nächsten „Lift“ warten. Von der Hütte bringt euch nämlich ein Pendelzug der Wendelstein-Zahnradbahn in nur acht Minuten wieder zurück zur Bergstation. Wenn die Bedingungen gut sind, kann man diese 800-Höhenmeter-Abfahrt mit ihren nur zehn Metern Gegenanstieg ruhig mehrere Male fahren und immer noch „First Tracks“ finden.

(c)ChristophMalin_Fotograf

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Über den Dächern  der großen Stadt

2. PAUL MAIR, staatlich geprüfter Berg- und Skiführer (UIAGM) Nordkette Innsbruck, Tirol

Die Tiroler Landesmetropole gilt als Mekka der Pulverschneesüchtigen. Im Winter gehören Freerider, die in voller Montur durch die Gassen der Altstadt schlendern, zum Straßenbild. Ebenso wie Studenten, die in bunten Skiklamotten im Seminar sitzen. Der Grund: Sie wollen keine Zeit verlieren und gleich nach der Uni auf die „Gruabn“ hinauf, wie die Locals die Seegrube, das Skigebiet an der Nordkette, nennen. Man kann sich also schon denken: Allein ist man dort oben an Powder Days selten. Zumindest nicht im leichter erreichbaren Gelände. Außerdem sind wegen der Südexposition oft nur die Vormittagsstunden lohnend. Das ändert sich natürlich im Frühjahr, wenn der Firn ein heißes Thema wird. In den Monaten davor ist frühes Aufstehen angesagt, will man den langen Wartezeiten an der Gondel entgehen. Dafür gibt’s oben eine umso feinere Belohnung für die Early Birds: Wo sonst kann man beim Drop-In in die Seilbahnrinne im Hafelekar auf die Straßenzüge der Innsbrucker Innenstadt schauen?! Aber keine Sorge: Es gibt auch sonst genügend Platz für coole Runs. Bei guten Bedingungen sind das die bis zu 40 Grad steilen Südflanken und Rinnen vom Kar zur Seegrube. Und spielt die Sicht mal nicht mit, dann gibt es jede Menge Waldabfahrten mit bis zu 1.000 Höhenmetern. Langweilig wird es euch da bestimmt nicht. Wer einen Hike nicht scheut, der spurt von der Bergstation Hafelekar am Goetheweg entlang, überquert die Karwendel-Kette und fährt nordseitig über steile Rinnen ins Grubach ab. Mit aufgezogenen Fellen umrundet man dann die Gleirschzähne und geht weiter zur Mandlscharte. Von dort zuerst ost-, später südseitig durch die Arzler Reise und via Arzler Alm zurück zum Ausgangspunkt, der Hungerburg.

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Willkommen im  Pulver-Mekka!

3 ALBERT LEICHTFRIED, staatlich geprüfter Berg- und Skiführer (UIAGM) Gebiet: Warth-Schröcken, Vorarlberg

In den vergangenen 15 Jahren habe ich als Skiführer am Arlberg so ziemlich jede Variante zwischen St. Anton, Lech und Zürs ausgetestet. Die Möglichkeiten sind schier unbegrenzt. Allerdings muss man richtig früh dran sein, um unverspurtes Terrain zu finden. Bessere Chancen hat, wer sich in das nicht so überlaufene Skigebiet von Warth-Schröcken gleich nebenan aufmacht. Vor allem ein Run der Sonderklasse hat es mir hier besonders angetan. Er bietet mehr als 1.000 Höhenmeter nordseitigen Abfahrtsspaß in perfekt geneigten Pulverhängen, mit einem nur kurzen Aufstieg vom Skigebiet aus, dazu eine steile Schlüsselpassage in absolut alpinem, wildem Ambiente. Um die Route zu erreichen, stapft man zunächst mit geschulterten Brettern von der Bergstation des Steinmähderlifts zehn Minuten zum Mohnenfluhsattel. Hier beginnt nordseitig die Einfahrt in die „Klemm“ in Richtung Schröcken. Wer sich bei der Orientierung nicht sicher ist, fragt am besten die Locals und erkundigt sich nebenbei auch gleich nach der Lawinengefahr. Unbedingt vorsichtig sein, wenn ihr noch gar keine Spuren in dem Run findet! Den Schnorchel wieder einpacken muss man erst unten an der Hochtannberg-Passstraße, wo Skibusse nach Warth fahren. Von hier gibt es diverse Möglichkeiten, um im Skigebiet mit verschiedenen Liften zum Ausgangspunkt zurückzukommen.

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Ganz nah an  König Ortler

4 KLAUS KRANEBITTER, staatlich geprüfter Berg- und  Skiführer (UIAGM) Sulden, Südtirol

Nein, nicht Sölden, sondern Sulden! Okay, das Bergsteigerdorf am Fuß des Ortlers kennt man am ehesten noch als Standort eines der Messner-Museen. Dass man dort richtig gut powdern kann, wissen nur die wenigsten. Wer sich hier ins Backcountry wagt, sollte viel Erfahrung mitbringen – oder einen Bergführer. Die meisten Optionen hat, wer die Felle in den Rucksack packt. Dann lockt zum Beispiel das Schrötterhorn (3.386 Meter) mit der rassigen Abfahrt über die Nordrinne. Ausgangspunkt ist die Bergstation der Seilbahn neben der Schaubachhütte. Hier beginnt der Aufstieg nach Norden auf den Suldenferner. Auf 3.100 Metern quert man nach links und hält auf einen großen Felskopf zu. Von dort geht es in einer Rechtsschleife weiter zum Gipfel. Etwa zwei Stunden sollte man dafür einplanen. Der Lohn für die Aufstiegsmühen ist eine Hammer-Abfahrt: Zwischen Schrötterhorn und Kreilspitze (3.391 Meter) zieht eine steile, nordseitige Rinne hinab auf den Suldenferner. Manchmal ist der Einstieg in die Rinne jedoch durch eine große Wechte blockiert. Dann fährt man besser vom Gipfel in Richtung Nordosten bis auf eine Höhe von 3.180 Metern ab und quert dort erst in die Rinne. Auf einer Höhe von 2.700 Metern zieht man noch einmal die Felle auf und spurt eine Viertelstunde nach Westen bis zu einem Sattel. Von hier öffnen sich wunderbare Hänge entlang der Suldenmoräne bis zurück ins Skigebiet.

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Cresta Bianca –  Couloir für Könner

5_ERWIN STEINER, staatlich geprüfter Berg- und Skiführer (UIAGM) Gebiet: Dolomiten, Monte Cristallo

Das Hochpustertal im Nordosten Südtirols zwischen Toblach und Cortina d’Ampezzo ist nicht gerade als Freeride-Eldorado bekannt. Schon eher als entspanntes Familienskigebiet mit vielen Punkten auf der Genießerskala dank feiner Küche und entspannter Lebensart. Doch wer hier ein bisschen sucht und mobil ist, findet zwischen den Felstürmen der Dolomiten eine ganze Reihe spannender Rinnen. Viele Einheimische gehen diese Ziele von unten an, soll heißen: als Skitour. Wer es bequemer mag und gerne mehrere Abfahrten pro Tag genießt, kann jedoch auch die Liftanlagen der Skigebiete als Aufstiegshilfe nutzen. Die für mich besten Freeride-Abfahrten gibt es am Monte Cristallo. Die Lifte, über die man diese erreicht, starten im mondänen Cortina. Meine persönlichen Favoriten heißen Cresta Bianca, Val Fonda und die Staunies-Rinne. Diese Touren gelten bereits als anspruchsvolle Freeride-Abfahrten, die Staunies-Rinne wird sogar als „extrem“ eingestuft. Als Ausgangspunkt dienen euch die Liftanlagen am Passo Tre Croci (Sessellifte Rio Gere). Besonders angetan hat es mir die Cresta Bianca, eine geniale Tour, die alles zu bieten hat, was das anspruchsvolle Freerider-Herz begehrt. In der mehr als 40 Grad steilen Einfahrtsrinne auf fast 3.000 Metern Höhe, flankiert von gelbgrauen Dolomitenfelsen, geht’s gleich richtig zur Sache. Erreicht wird diese über eine kurze, steile Treppe, die zum Dibona-Klettersteig am Monte Cristallo gehört. Hat man die Rinne erst einmal gemeistert, befindet man sich mit einem Schlag in herrlich freiem, mittelsteilem Genussgelände, das sich optimal für weite Turns eignet.

 

Text: Günter Kast Fotos: Michael Neumann, Christoph Malin, Albert Leichtfried, Klaus Kranebitter, Ervin Steiner

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