Brennpunkt Klettersteig – Mountains4U Roundtable

2012 war das Jahr, in dem Klettersteige von sich reden machten. Klettersteigsets wurden zurückgerufen und in Folge häuften sich sowohl bei der Industrie als auch den einschlägigen Medien Anfragen über deren Sicherheit extrem.
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Am Tisch: Katrin Winkler, Geschäftsführerin Austri Alpin; Daniel Gebel, Leitung Entwicklung / Produktmanagement Hardware bei Edelrid, und Petra Thaller.
Bei unserem zweiten Round Table geht es um das Thema Klettersteig und die Verantwortung der Medien sowie der Industrie gegenüber den Lesern bzw. den Kunden. Schlussendlich geht es auch um Selbstverantwortung all derer, die zum Beispiel über einen Klettersteig Gipfel erreichen, die auf einem normalen Wanderweg nicht zu erreichen sind oder bestenfalls das Ziel versierter Bergsteigern und Kletterern sein können.
Petra Thaller: Klettersteige werden gern von Menschen begangen, die keinerlei alpine Erfahrung haben und somit für sich selbst und auch andere eine potenzielle Gefahr bedeuten. Wer trägt hierfür die Verantwortung?
Daniel Gebel: Die Verantwortung verteilt sich auf mehrere Schultern. Der Kunde ist in der Pflicht, sich über das Begehen eines Klettersteigs fundiert zu informieren und darüber hinaus u.a. den Umgang mit dem Klettersteigset zu beherrschen. Zudem müsste der Deutsche Alpenverein eine Aufklärungspflicht gegenüber seinen Mitgliedern haben und Hersteller die Verwender über die Risiken bei der Nutzung informieren.petra  sw
Petra Thaller: Nicht nur einmal habe ich gehört, dass die Leute „Klettern” waren, z.B. an der Alpspitze. Final hat sich dann herausgestellt, dass sie auf dem Klettersteig hinauf zum Gipfel der Alpspitze unterwegs waren!
Katrin Winkler: Viele Klettersteiggeher kommen vom Wandern und möchten sich im Vertikalen versuchen. Der Reiz, einen Berg durch eine Wand mittels Drahtseilhilfe zu erklimmen, ist auf jeden Fall legitim. Aber obwohl der Zugang oft einfach erscheint, muss sich jeder Klettersteiggeher bewusst sein, dass er sich hierbei in ein komplexeres Metier begibt und weiteren alpinen Gefahren aussetzt.
Petra Thaller: Was aber können wir alle tun, um die Leser fundiert zu informieren, ohne mit dem erhobenen Zeigefinger auf die Gefahren aufmerksam zu machen?
Daniel Gebel: Jedem Klettersteigset liegt eine Gebrauchsanweisung bei, welche die Gefahren
im Umgang mit dem Klettersteigset erläutert, dort ist nachzulesen, wie es anzuwenden ist, worauf man achten muss. Das alles wird durch Abbildungen visualisiert.
Petra Thaller: Wie sicher sind die Klettersteigsets?
Katrin Winkler: Um die Sicherheit am Klettersteig zu erhöhen, reicht es nicht aus, nur an einem
Punkt anzusetzen. Sämtliche Parteien sind gefordert: Zum einen die Hersteller, um die Ausrüstung sicherer und mit mehr Reserven zu bauen. Wir von AustriAlpin verfolgen in unserer Entwicklungsarbeit den Ansatz, Stürze an sich zu verhindern. Dies gelingt uns mit dem Ferrata.
Bloc und dem Hydra Set, welche am Drahtseil an Ort und Stelle blockieren und somit einen weiten Sturz in Ketten, 25-mm-Stahlseilen bis hin zu 8 mm dünnen Drahtseilen, einfach oder doppelt gelegt – wer aufmerksam am Klettersteig am Weg ist, kennt dies. Klettersteige gehören genauso wie die Ausrüstung der Klettersteiggeher genormt und von einer dafür zugelassenen Stelle abgenommen.2_katrin winklersw
Petra Thaller: Klettersteige sind aus der alpinen Szene nicht mehr wegzudenken. Wie sieht denn
eurer Erfahrung nach die Realität eines spontanen Klettersteigtages aus?
Katrin Winkler: Klettersteiggehen ist eine alpine Sportart und damit bei falscher Ausübung lebens-gefährlich. Es gehört mehr dazu, als sich mal schnell ein Set vom „Freund des Bruders der Nachbarin” auszuleihen. Genussvoll Kletter-steiggehen heißt, neben einer fachgerechten Ausrüstung und der richtigen Anwendung dieser, auch Kenntnis über das Wetter, die eigene Kondition, den Abstieg etc. zu haben. Viele sind sich der Gefahren nicht bewusst, überschätzen sich und unterschätzen im gleichen Atemzug die Schwierigkeiten, die auf sie zukommen können. Unser Anliegen ist es also auch, das Bewusstsein der Klettersteiggeher zu schärfen. Ein langsames Herantasten an die Materie mit Hilfe von dafür ausgebildeten Bergführern ist der beste Weg,
um die Bergerfahrung in steilen Wänden genussvoll erleben zu können.
Petra Thaller: Wie steht ihr generell zum Thema Klettersteig?
Daniel Gebel: Ich bewerte die Thematik Klettersteig zunächst positiv. Einem breiten Publikum wird die verantwortungsvolle Auseinandersetzung mit sich selbst (Psyche und Physis), Natur und Gefahr ermöglicht. Den Regionen erschließt sich ein neuer Tourismusfaktor, wobei durch sinnvollen Bau die Besuchermassen weitestgehend naturschonend kanalisiert und gelenkt werden können. Nicht zuletzt bietet sich der Industrie ein nicht neuer, aber stark wachsender Markt.
FAZIT Daniel Gebel:1_daniel gebel sw
Derzeit stehen wir (die Industrie, die Regionen, die Verbände, die Erbauer, die Klettersteiggeher) vor drei Herausforderungen:

1. Sowohl an der Norm für Klettersteigsets als auch an der Norm für Klettersteige wird aktiv gearbeitet, um den sich verändernden Anforderungen gerecht
zu werden.

2. Der Bau von Neuanlagen mit den neuesten Sport- und Adventuresteigen hat mit den ursprünglichen Klettersteigen nur noch wenig Gemeinsamkeiten. Hier ist ein Mitdenken aller Beteiligten – Industrie, Verleiher, Benutzer – gefragt, da ein Ende dieser Entwicklung nicht absehbar ist.

3. Ein großer Teil der Personen auf Klettersteigen ist sich nicht vollständig der alpinen Gefahren bewusst. (Alpine Gefahren treten auch bei talnahen Anlagen, 50 Meter vom geparkten Auto entfernt, auf.) Schulung, Ausbildung, weitere Entwicklungen und die Aufklärung über aktuelle Gegebenheiten ist derzeit unsere größte Herausforderung.

 

DO&DON’T
Klettersteig

DO 1 Einen Klettersteigkurs bei einem Bergführerbüro buchen, oder auf die erste Klettersteigtour in jedem Fall einen staatlich geprüften Berg- und Skiführer mitnehmen, das kostet zwar Geld, schützt dafür das eigene und das Leben anderer.
DO 2 Wenn Sie sich ein Klettersteigset bei einem Verleiher (Bergschule, Bergsportgeschäft) ausleihen, immer nach der Dokumentation fragen und sich diese auch zeigen lassen. Klettersteigsets gehören zur Persönlichen Schutzausrüstung (PSA) und müssen nach jedem Gebrauch vom Verleiher fachgerecht auf ihre Funktion überprüft werden.
DO 3 Was am Klettersteig mit muss und was man beachten sollte: Helm, Handschuhe, Klettersteigset, festes Schuhwerk, Wetterschutzbekleidung, Erste-Hilfe-Set, Handy, etwas zu trinken und zu essen und am besten geht man zu zweit und gibt in jedem Fall einem Freund Bescheid, wo man genau unterwegs ist.

DON´T 1 Gebrauchte Klettersteigsets. Kaufen Sie niemals, egal von wem, ein gebrauchtes Klettersteigset (siehe DO2).
DON´T 2 Heldentaten. Wie bei allen alpinen Spielarten gilt: Die eigenen Fähigkeiten richtig einschätzen und lieber einmal Nein sagen, als sich selbst zu überfordern.

 

Text und Fotos Ideenschmiede Berg

 

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