Im Brennpunkt: Sicherungsgeräte

Wir wollten es wissen, welches Sicherungsgerät für welchen Einsatz, die Aufgabe der Hersteller, des Sportfachhandels und der Medien.

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Petra Thaller: Welches Gerät für welchen Einsatz?
Chris Semmel: Für die Halle bin ich ein Verfechter von Halbautomaten. Warum? Weil es in Kletterhallen üblich ist, über den Körper zu sichern. Das bringt genügend Dynamik, die Sturzhöhen sind gering. Die Hakenabstände genormt. Und wir haben in den Hallen ein Publikum, das oft nicht so erfahren ist im Halten von Stürzen. Wenn doch mal einer unerwartet stürzt,bringt der Halbautomat eine Sicherheitsreserve. Wenn Bremshandfehler passieren, hat man nicht gleich einen Bodensturz. Halbautomaten gibt es eine Menge auf dem Markt, sinnvolle und nicht sinnvolle Geräte. Mein Wunsch wäre, dass die Kletterer in der Halle mehr Halbautomaten benutzen. Das Tube hat bei uns in Deutschland einen Anteil von über 60 Prozent unter den Sicherungsgeräten. Gerade in der Halle ergibt ein Tube aber keinen Sinn, außer man sichert leichte Kinder.
Petra Thaller: Wodurch unterscheidet sich das Reverso vom ATC?2013-02-ispo-AM-1012
Peter Popall: Es ist was ganz anderes. Wir haben beim Reverso eine Kombination aus Tube und Magic Plate gemacht. Dieses (Magic Plate) wurde von Bergführern früher zum Nachsichern verwendet. Das Reverso ist eine feine Kombination, es kann auf zwei unterschiedliche Arten verwendet werden. Für Vorstieg und Nachstieg.
Petra Thaller: Statement Andres Lietha: Wir bieten die Standards HMS, Tube und Achter an, die bei richtiger Anwendung durchaus funktionieren, aber die bekannten Nachteile aufweisen. Mittelfristig denke ich, dass Geräte ohne Bremsunterstützung oder Halb- automatik am Markt an Bedeutung verlieren werden. Warum?
Andres Lietha: Im Anfängerbereich bin ich auch davon überzeugt, dass sich die Halbautomaten und die Geräte mit Bremsunterstützung mehr und mehr durchsetzen werden. Was im Moment sicher eine Schwierigkeit ist, ist die Tatsache, dass es einige sicher sehr gut funktionierende Geräte auf dem Markt gibt, diese verlangen aber alle ein ziemlich anderes Handling. Das ist sicherlich eine Schwierigkeit, die in der Ausbildung besteht. Früher hat man einfach die Sicherung über den HMS gelehrt, jetzt entscheidet sich häufig eine Halle für einen Sicherungsgerätetyp, mit dem sie ausbildet, und das hilft natürlich dem Konsumenten bedingt.
Petra Thaller: Stichwort Ausbildung, Ausbildungsstandard derer, die einfach mal zum Trainieren in die Halle gehen, ist ziemlich niedrig.2013-02-ispo-AM-1017
Chris Semmel: Das ist jetzt natürlich gemein. Wir haben 2012 die Kletterhallenstudie von 2007 nochmals durchgeführt und konnten wieder beobachten, dass im Vorstieg die meisten Sicherungsfehler passieren, fast 30% der Sichernden machen Fehler. Im Gegensatz zum Topropesichern, hier ist die Fehlerquote deutlich geringer. Und diese Fehlerrate führt immer wieder zu Unfällen. Man muss natürlich sagen, dass in Kletterhallen in den seltensten Fällen unangekündigt gestürzt wird, dass der Sichernde in den seltensten Fällen von einem Sturz überrascht wird. Wenn dieses Sicherungs-verhalten an den Sport-
kletterfelsen auch zu beobachten wäre, denke ich, hätten wir deutlich mehr Unfälle.
Petra Thaller: Was können Hersteller machen, damit ihre Sicherungsgeräte richtig angewendet werden?
Peter Popall: Die Medien und das Publikum haben beispielsweise unser GriGri als „idiotproof” dargestellt. Daraus ergaben sich Schlussfolgerungen, dass Kinder am besten mit dem GriGri sichern, was ein großer Trugschluss ist. Ich bin übrigens der Meinung, dass, wer sichern lernen möchte, dies am besten als Erstes mit einem Tube tun sollte. Weil er das Gefühl bekom- men muss, was er da halten muss, wenn die andere Person im Seil hängt. Also kein bremsunterstütztes Halten. Warum dies? Es hat sich gezeigt, dass beim Vorstieg, beim Klettern an sich, das Fallen meist gehalten wird. Zu den Haupt- oder Fastunfällen mit dem GriGri (Stichwort Bremsunterstützung) kam es, weil die Leute im Lauf der Zeit beim Ablassen zu leichtsinnig wurden. Sie haben die Unterstützung der Bremse einfach überschätzt und das Seil nicht genug in der Haltehand gehalten, weil sie es eben nie gelernt haben. Deshalb unsere Meinung, erst mit einem Tube das Sichern lernen.
Petra Thaller: Was kann der Hersteller machen, damit der Käufer des Geräts über dessen Funktionsweise ausreichend informiert wird?2013-02-ispo-AM-1020
Thomas Hodel: Ich denke es fängt damit an, dass man ein Gerät auf den Markt bringt, dessen richtige Anwendung möglichst intuitiv richtig umsetzbar ist. Wir versuchen ein Gerät zu bringen, wo wir keinen allzu großen Kommunikationsbedarf haben. Mit dem Tube machen wir das eigentlich. Das ATC ist ein Gerät, das intuitiv richtig anwendbar ist. Ohne große Kommunikation. Das ist auch der Grund, warum wir immer noch auf das ATC setzen.
Petra Thaller: Bei Edelrid sind zurzeit zwei Geräte ganz hoch im Kurs, das Mega Jul und das Micro Jul. Warum?
Daniel Gebel: Der Ansatz beim Mega Jul ist das, was der Tom bereits gesagt hat. Es sieht aus wie ein Tube, es funktioniert auch wie ein Tube, ich kann es bedienen wie ein Tube, ich kann es aber auch bedienen wie ein Smart. Das Smart hat sich in der Handhabung bereits etabliert, wir springen somit auf den Zug mit auf und haben im Mega Jul die Hand-
habung eines Tubes und die Handhabung des Smart integriert. Eine von beiden funktioniert immer. Der Vorteil, wenn ich mal keine Hand dran haben sollte, habe ich eine Backup- Funktion, das Gerät kann zu machen, kann blockieren. Es funktioniert also auch wie ein Halbautomat.
Petra Thaller: Stichwort: Beratende Funktion des Sportfachhandels. Ich möchte mir ein Sicherungsgerät kaufen, gehe in den Sportfachhandel. Wie sind die Fachverkäufer von den Herstellern geschult, damit ich an das richtige Sicherungsgerät komme?
Daniel Gebel: Ich glaube die Beratung von einem Sicherungsgerät im Einzelhandel ist utopisch. Das ist aber auch nicht die Aufgabe des Einzelhandels, meiner Ansicht nach.
Petra Thaller: Wessen Aufgabe dann?
Daniel Gebel: Letzten Endes des Verbrauchers selbst. Er kann sich schulen lassen, Kurse beim Alpenverein besuchen, sich einen Bergführer nehmen. Letzten Endes muss das Produkt auch ohne diese Schulungen funktionieren, deshalb investieren wir sehr viel Zeit in die Bedienungsanleitungen, die bei den Geräten mitgeliefert werden. Wir alle arbeiten momentan daran, die Gebrauchs-anleitungen auf ein sehr, sehr hohes Niveau zu bringen, damit die Leute, wenn sie sich das Gerät gekauft haben, möglichst viele Informationen schon am Produkt finden. Es gibt im Internet Videos, am Produkt selbst QR Codes. Wir versuchen, so viel Information wie möglich am Gerät mitzuliefern.2013-02-ispo-AM-1023
Petra Thaller: Braucht man dann noch den Einzelhandel? Wenn ich mich vorher schon im Internet informieren soll, dann kann ich dort auch gleich bestellen!
Daniel Gebel: Der Einzelhandel ist dazu da, dem Kunden die Differenzierung zwischen den Geräten nahezulegen. Es gibt Tests in Magazinen, die ich nachlesen kann.
Petra Thaller: Einweisung in das Gerät somit überflüssig?
Herbert Streibel: Bei uns bei der Bergwacht Bayern geben wir keine neuen Rettungssets aus ohne Einweisung. Ich halte das für absolut notwendig.
Petra Thaller: Wenn sich der Kunde selbst informieren soll, dann liegt es final also an uns, den Medien, unsere Leser, sprich eure Kunden so weit zu informieren, dass sie auch losziehen können und sich ein entsprechendes Gerät kaufen?2013-02-ispo-AM-1013
Andres Lietha: Ich finde der Händler hat durchaus eine Beratungs-funktion, er muss dem Kunden aufzeigen, welches Gerät zu seinen Aktivitäten passt. Wir können natürlich nicht den Anspruch haben, dass er den Kunden ausbildet. Ich glaube der Schlüssel liegt im Produktdesign, dass das Produkt möglichst „idiotproof” ist. Ich persönlich lese keine Gebrauchsanleitung, das muss ohne Gebrauchsanleitung funktionieren. Das muss das Ziel sein in der Produktentwicklung.
Chris Semmel: Ich bin der Überzeugung, dass der Schlüssel für die Gebrauchsanleitung nicht Bilder sind, sondern Videos. Es sollte Standard sein, dass Firmen, die Sicherungsgeräte auf den Markt bringen, auch entsprechend gute Videos dazu zur Verfügung stellen.

 

Info

Halbautomaten
Diese Sicherungsgeräte klemmen unter Zugbelastung das Sicherungsseil ab. Das Seil ist blockiert, die Bremshand kann in diesem Zustand vom Seil genommen werden. ABER: Aus Gründen der Redundanz ist auch bei Halbautomaten immer die Bremshand am Seil.
Tube
Das Sicherungsgerät mit relativ geringer Bremskraft, es entsteht kaum Reibung. Die Bremshandkraft wird hier stärker in Anspruch genommen. Das heißt im Umkehrschluss, dass das Seil schnell ausgegeben und eingezogen werden kann. Mit der Tube kann Vorstieg, Nachstieg, Toprope
gesichert und abgeseilt werden.

Wer suchet, der findet!

Bei der Recherche nach Demo-Videos, also die visuelle Gebrauchsanleitung der neuen Sicherungsgeräte, sind wir für alle Hersteller fündig geworden – mehr oder weniger schnell.

Black Diamond: Auf Youtube wurden wir fündig: „Using the Black Diamond ATC Guide”.
Gutes Video. Auf der BD-Homepage leider Fehlanzeige.
Edelrid: Momentan (Stand Mitte Februar 2013) stehen für die richtige Handhabung
von Mega Jul und Micro Jul weder auf der Herstellerhomepage noch auf Youtube Videos
zur Verfügung. Die Gebrauchsanleitungen können als PDF heruntergeladen werden.
Mammut: Super. Wir wurden schnell auf der eigenen Homepage fündig. Einfach
auf Know-how klicken und los geht’s. Klar, dass wir da auch auf Youtube fündig
geworden sind.
Petzl: Auf der Herstellerseite muss man schon ein Fuchs sein, damit man hier was
findet… Und dann nur auf Englisch. ABER: Youtube sei Dank, hier haben wir ein
sehr gutes DAV-Video zum Thema Sichern mit GriGri gefunden. Das war klasse.

 

 

 

Text: Ideenschmiede Berg Fotos: Marcel Klöpping und Almut Otto

 

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