Im Westen viel Neues: Klettersteige in der Schweiz

Noch vor 20 Jahren war die Schweiz ein weißer Fleck auf der Klettersteig-Karte. Mittlerweile gibt es mehr als 60 Eisenwege aller Schwierigkeitsgrade. Die Redaktion stellt rechtzeitig zu Beginn der neuen Saison die spannendsten und landschaftlich schönsten Touren aus der vertikalen Welt der Eidgenossen vor.

Panoramabild_daubenhorn

Klettersteige sind schwer in Mode. Jedes Jahr kommen in den Alpen rund 50 neue hinzu. Nur die Eidgenossen wollten da lange Zeit nicht mitspielen. Es galt das Motto: Wer ohne Drahtseil nicht hinauf kommt, bleibt eben unten. In seinem „Klettersteigatlas“ schreibt Ferrata-Papst Eugen Hüsler noch 1996 etwas enttäuscht: „Mehr als 25.000 Quadratkilometer Gebirge – und gerade fünf (!) gesicherte Steige, davon zwei ordentliche Vieferrate.“ Bei den Schweizern haben Eisenwege nun einmal keine Tradition – wofür sie sich beileibe nicht schämen müssen. Es tobte hier nie ein grausamer Gebirgskrieg wie zwischen Österreich-Ungarn und Italien. Und deshalb mussten auch keine senkrechten Kriegspfade angelegt werden, um die Gipfelstellungen zu versorgen, wie das in den Dolomiten der Fall war. Dem Schweizer Alpenclub (SAC) war das ganz recht. Er hatte ein Thema weniger am Hals. Doch der vor rund zehn Jahren beginnende Klettersteig-Boom in den anderen Alpenländern weckte auch in der Schweiz Begehrlichkeiten. Kommunen, Liftgesellschaften und Tourismusverbände sahen, wie sich mit neuen Klettersteigen ganze Heerscharen von Freizeitsportlern anlocken ließen, die viel Geld in die Kassen der Tourismusbetriebe spülten. Plötzlich schossen auch in der Schweiz die Eisenwege wie Pilze aus dem Boden.

Mehr als 60 Klettersteige in der Schweiz gibt es heute. Viele davon mit verwegenen Passagen, die das Herz jedes Klettersteigfreundes hüpfen lassen. Nur dem SAC war der Boom nicht ganz geheuer,
weshalb er alle Interessengruppen an einen runden Tisch bat. In der Charta von Engelberg wurde
basisdemokratisch-schweizerisch vereinbart, maximal 100 Klettersteige in touristisch bereits erschlossenen Gebieten zu genehmigen. Debatten gibt es trotzdem immer wieder. Denn die Charta schrieb auch fest, dass größere Bauwerke wie Tyroliennes (Seilbahnen ähnlich dem „Flying Fox“) und Hängebrücken die Ausnahme bleiben sollten. Es dürfe kein „Wettrüsten“ um den spektakulärsten Steig zwischen den Kommunen stattfinden. Genau das wirft die Naturschutz-Organisation „Mountain Wilderness“ den Betreibern einiger Ferrate jedoch vor. Der Eggishorn-Klettersteig im Wallis fällt zum Beispiel in diese Kategorie. Ist ein Steig erst mal gebaut, siegt meist die Kraft des Faktischen. Denn Haken, Leitern und Stahlseile werden längst von Profis im Fels verankert. Wo früher Alpenvereinsmitglieder zum freiwilligen Arbeitseinsatz anrückten, planen heute Spezialfirmen für Erlebnisdesign die Steige, deren Umsetzung eine sechsstellige Summe Schweizer Franken kosten kann. Ganz egal sollte den Begehern der Eisenwege die anschwellende Diskussion deshalb nicht sein. Es geht dabei zum Beispiel auch um die Frage, ob für die Nutzung der Anlagen ein Eintrittsgeld erhoben wird, wie das bei einigen Steigen schon auf mehr oder weniger freiwilliger Basis geschieht. Nur sollte man sich durch die Debatte nicht den Spaß vermiesen lassen. 100 Ferrate für die ganze Schweiz – das heißt im Klartext: Klettersteigfreunde dürfen sich demnächst auf 30 bis 40 weitere Anlagen freuen! Den Kritikern kann man ja entgegenhalten, dass es gesicherte Passagen auf Hüttenzustiegen auch in der Schweiz schon immer gegeben hat – und auch die Hanfseile am Matterhorn-Normalweg dort nicht erst seit gestern hängen. Axel Jentzsch-Rabl, Autor mehrerer Klettersteigführer, hat jedenfalls in der Schweiz eine Reihe von Anlagen entdeckt, denen er ohne Zögern das Prädikat „Tip-Top“ verleihen würde, wie die Schweizer zu sagen pflegen.

„Der Leukerbader Klettersteig ist ein Steig der Superlative – und nur absoluten Könnern zu empfehlen.“

„Der Leukerbader Klettersteig ist ein Steig der Superlative – und nur absoluten Könnern zu empfehlen.“

 

Leukerbader Klettersteig – Daubenhorn (2.942 Meter)
Die Top-Ferrata im Wallis 

Man sagt den Eidgenossen ja gern nach, dass sie mit ihrem Humor mitunter etwas geizen. Keineswegs geizig waren sie bei den Superlativen für diesen Steig: Der fast immer senkrecht durch die Südostabbrüche des Daubenhorns führende Eisenweg ist mit 900 Höhenmetern absoluter Kletterdistanz die längste und mit Schwierigkeiten bis zu D/E auch eine der schwierigsten Routen der Schweiz. Sehr exponierte Passagen, lange Eisenleitern, eine dunkle Höhle und am Ende sogar ein Gletscherabstieg gehören zu den Highlights der Super-Ferrata. Der Start verläuft nochhalbwegs gemütlich. Auf Bändern quert man die Daubenhornwand zur Unteren Freiheit. Von hier geht es spektakulär und steil über eine Serie von Leitern hinauf zur Oberen Freiheit (2.303 Meter), einer grasigen Kanzel hoch über Leukerbad mit herrlicher Aussicht zu den Walliser Viertausendern.
Für Zweifler gibt es auf halbem Weg eine Ausstiegsoption (Kleiner Steig zum Geißweg), doch ist diese unter Umständen heikler als die Fortsetzung (Großer Steig), weil der Rückzug über steile Grasflanken erfolgt, die insbesondere bei Nässe gefährlich rutschig werden können. Wer weitergeht, kommt zu der rund 100 Meter langen Höhle. In dieser wartet eine 30 Meter hohe Extrem-Variante (E) auf Cracks. Wer Kraft sparen möchte, wählt hier besser die leichtere Route. Das ist auch nach dem Biwakplatz möglich, wenn abermals eine leichte und eine anspruchsvolle
Option zur Wahl stehen. Wer sich das volle Programm vornimmt, bekommt es mit einem Steig zu tun, der höhere Anforderungen stellt als der berühmt-berüch- tigte Königsjodler-Steig am Hochkönig. Vor allem konditionell sollten Aspiranten über jeden Zweifel erhaben sein. Immerhin ist der Abstieg vom Gipfel über den spaltenfreien Daubenhorngletscher hinunter zum Gemmipass dann weitgehend flach und einfach.

Talort: Leukerbad (1.411 m)
Ausgangspunkt: Berghotel Wildstrubel am Gemmipass (Bergstation der Seilbahn)
Zustieg: Vom Gemmipass auf dem Gemmiweg etwa 20 Minuten abwärts bis zur Unteren Schmitte (2.070 m, großer Strommast), wo rechts die Ferrata abzweigt. Alternativ: Von der Talstation der Gemmibahn auf dem Gemmiweg eine Stunde zum Strommast. Höhe des Einstiegs: 2.070 m,
Zustiegszeit: 20 oder 90 Minuten vom Tal.
Gesamtdauer: 8 – 9 Stunden
Abstieg: 90 Minuten
Schwierigkeit: C-D (E)
Exposition: Südost
Kinder: Nein
Absicherung: sehr gut
Info: www.leukerbad.ch, www.gemmi.ch

„Spektakuläre Leitern-Serie am Leukerbader Steig.“

„Spektakuläre Leitern-Serie am Leukerbader Steig.“

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

2 Moléson Klettersteig – Moléson (2.002 Meter)
Würzig wie Greyerzer Käse

Moléson? Nie gehört? – Vermutlich deshalb, weil man auf dem Weg an den Genfer See oder nach Chamonix so leicht an ihm vorbeifährt. Dabei ist der Moléson ein berühmter Aussichtsberg im Freiburger Land, von dessen Gipfel man das ganze Schweizer Alpenvorland bis hin zum Genfer See überblickt. Umgekehrt sieht man seinen höchsten Punkt sogar von der Autobahn aus. Die rassige Tour auf den wuchtigen Hausberg des Städtchens Gruyères eignet sich besonders für den Hochsommer. Erstens, weil es in der logischen und perfekt abgesicherten Nordwandroute dann meist schattig ist. Zweitens, weil dann die erdigen und grasigen Stellen trocken sind. Was ins Auge sticht, ist zum einen der Materialverleih an der Tal- und Bergstation der Seilbahn. Wer noch keine Klettersteigausrüstung besitzt, kann sich diese spätestens hier für 18 Franken ausleihen, wobei die Route mit einigen senkrechten und überhängenden Stellen nicht wirklich für Anfänger geeignet ist. Zum anderen fällt auf, dass hier vier Schweizer Franken Eintritt für Erwachsene (Kinder: zwei Franken) fällig werden, die für den Unterhalt der Ferrata verwendet werden. Die Berge als veritabler Freizeitpark – hier kann man schon mal die Zukunft besichtigen. Es gibt sogar eine Pauschale für Materialmiete, Bergbahnticket und Eintritt (41 Franken für Erwachsene). Die „Voie Hohl“, die Nordwandroute, beginnt mit einer langen Querung mit Zwischenabstieg nach rechts zur ersten senkrechten, kurz sogar überhängenden Mauer. Hier ist umkehren noch möglich. Wer die Pas-
sage meistert, braucht sich um den Weiterweg keine Sorgen zu machen. Im Mittelteil der Route folgt das charakteristische Grasband, dann der zweite vertikale Aufschwung mit dem Routenbuch in einem Quergang und dem Finale über einen gut gesicherten Überhang. Über Grashänge geht es zum Kreuz auf dem Vorgipfel (1.936 Meter), nochmals hinab in einen Sattel und sodann zum höchsten Punkt (2.002 Meter). Etwas leichter ist die Viaferrata (Voie) du Pilier über den markanten Nordostpfeiler. Es gibt jedoch auch hier eine sehr luftige und Kraft raubende Variante. Allerdings darf man wegen Staugefahr nicht die „Voie Hohl“ hinauf- und die „Voie du Pilier“ hinuntersteigen.

Talort: Moléson-Village (1.108 m), via Bulle
Ausgangspunkt: Plan-Francey (1.517 m), Mittelstation der Moléson-Seilbahn
Zustieg: Von Plan-Francey hinab in einen Sattel (1.497 m) und schräg rechtshaltend zu einem
steilen, teils mit Tannen bestandenen sowie felsdurchsetzten Grashang am Fuß der Nordwand
des Moléson. Die ersten Drahtseile beginnen auf 1.580 m, der eigentliche Einstieg befindet sich
weiter oben auf 1.660 m an der senkrechten Wand.
Zustiegszeit: 30 Minuten
Gesamtdauer: 3-4 Stunden
Abstieg: Mit kleinem Zwischenabstieg zur Bergstation der Moléson-Bahn (1.970 m) oder zu Fuß auf gutem Weg über die Westflanke absteigen und unter der Nordwand zurück nach Plan-
Francey (1 Std.).
Schwierigkeit: C/D (Voie Hohl), B/C (Voie du Pilier)
Exposition: Nord
Kinder: Nur für bereits sehr erfahrene Ferrata-Kids Absicherung: sehr gut, jedoch: „à la francaise“,
das heißt, die Seile sind lockerer und nicht so straff gespannt wie in Österreich oder der Deutsch-
Schweiz.
Info: www.moleson.ch

 

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3 Sulzfluh-Klettersteig – Sulzfluh (2.817 Meter)
Plaisir-Turnen im Rätikon 

Wenn es St. Antönien im Rätikon nicht gäbe, müsste man es glatt erfinden. Hier sieht die Schweiz genauso aus wie in der heilen Peter-und-Heidi-Welt: sattgrüne Wiesen, schmucke Holzhäuser zwischen sanften Hügeln – und dahinter eine mächtige Felsbarriere aus grauem Kalk. Für Felskletterer, Wanderer und Skitourengeher war das schon immer eine beliebte Spielwiese, doch seit an der Sulzfluh im Sommer 2005 der erste offizielle Klettersteig in Graubünden eröffnet wurde, lockt das Rätikon auch die Freunde der Eisenwege an. Geschätzt rund 3.000 „Ferratisti“ hangeln sich seither jede Saison durch die steilen Abbrüche der Sulzfluh. Manche mit heraushängender Zunge, weil sie die gnadenlos brennende Sonne in der Südwand unterschätzt und zu wenig Getränke in den Rucksack gepackt haben. Im unteren Teil der Route befindet sich eine Leiter zum Überwinden der „Einstiegswand“. Sie ist ein erster Test. Ab dem Beginn der Rampe gibt es dann keinen Notausgang mehr, allerdings immer wieder Bänder, die das Ausruhen ermöglichen. Steiler wird die Route erst im zweiten Teil, der sogenannten „Panoramica“. Ein besonderer Nervenkitzel sind die Quergänge in den fast senkrechten Plattenschüssen mit faszinierenden Tiefblicken und die Überquerung des „Deichmann-Stegs“. Nach dem Eintrag ins Wandbuch kommt schon bald die „Klagemauer“, die deshalb so heißt, weil sie der anstrengendste Routenteil ist und den Bizeps ordentlich aufbläst. Wer diesen Part gemeistert hat, schafft auch noch die Gipfelwand – und wirft dankbar einige Fränkli in die Unterhaltskasse, ehe es in wenigen Minuten zum Gipfelkreuz der Sulzfluh geht.

Talort: Küblis (an der Hauptstraße nach Davos), hier nach St. Antönien abbiegen
Ausgangspunkt: Parkplatz Nr. 7 in Partnun beim Gasthof Alpenrösli (oberhalb von St. Antönien), Parkschein schon beim Parkplatz Nr. 1 lösen
Zustieg: Auf markiertem Wanderweg Richtung Carschinahütte, unter der Südwand rechts zum Einstieg abbiegen, Zustiegsdauer: 90 Minuten
Gesamtdauer: 5-6 Stunden
Abstieg: Durch den sogenannten Gemstobel, 2 Stunden „Eisenbügel helfen, senkrechte oder überhängende Passagen zu überwinden, ohne dass der Bizeps platzt.“
Schwierigkeit: D
Exposition: Süd
Kinder: Wegen der Länge des Steigs nur für ältere Kinder und Jugendliche
Absicherung: Sehr gut
Info: www.klettersteigsulzfluh.ch

 

„Eisenbügel helfen, senkrechte oder überhaÅNngende Passagen zu überwinden, ohne dass der Bizeps platzt.“

„Eisenbügel helfen, senkrechte oder überhaengende Passagen zu überwinden, ohne dass der Bizeps platzt.“

 

4 Jegihorn Klettersteig – Jegihorn (3.206 Meter)
Komm mit ins Abenteuerland!

Eine gewaltige Seilbrücke über dem tiefen Abgrund zwischen Vor- zum Hauptgipfel, ein Spinnennetz aus Hanfseilen, das beim Begehen wie ein Kuhschwanz wackelt – der Jegihorn-Steig ist eigentlich genau die Art Ferrata mit künstlichen „Bauwerken“, die der SAC nicht haben wollte. Trotzdem ist er auf der Website der Sektion Saas ausführlich beschrieben – weil auch die Funktionäre zugeben mussten, dass er einfach eine Wucht ist! Auf einem sehr alpinen Steig geht es durch eine fast 500 Meter hohe Wand auf einen richtigen Dreitausender vor ganz großer Walliser Kulisse: mit freier Sicht auf die Viertausender in der Mischabel-Gruppe gegenüber, mit Weißmies und Lagginhorn auf der eigenen Talseite zum Greifen nah. Zudem ist es einer der höchsten Steige in den Westalpen und die Seilbrücke befindet sich auf mehr als dreitausend Metern Höhe. Bei so vielen Superlativen ist es kein Wunder, dass sich die im Jahr 2000 von der Bergsportschule Active Dreams Weißmies erbaute Ferrata binnen kurzer Zeit zu einem Klassiker entwickelt hat. Sie ist zweifellos eine der schönsten Routen der Schweiz. Wichtig ist, dass man die Tour wegen der großen Höhe und ihrer Länge nur bei absolut stabiler Wetterlage angeht. Am besten nimmt man gleich die erste Seilbahn, um ausreichend Zeitreserven zu haben, denn es geht fast immer im senkrechten Fels nach oben. Die wenigen Simse sollte man zum Ausruhen nutzen, denn vor dem Finale wartet noch die „Nepal Bridge“, die Seilbrücke. Diese wurde erst 2003 gebaut und kann umgangen werden, wenn zum Beispiel starker Wind die Begehung zu einem zu großen Nervenkitzel werden lässt. Wer sich traut, sollte bedenken, dass am anderen Ende der Brücke ein längerer Aufschwung wartet, der teils überhängend und deutlich schwieriger als der alte Weg ist. Wen also die Kraft bereits im Stich lässt, der sollte die alte Route einschlagen. Danach ist der Weg frei zum höchsten Punkt. Spätestens hier wird jedem klar, warum die Ferrata auch Panorama- Klettersteig heißt.

Talort: Saas-Grund (1.556 m)
Ausgangspunkt: Seilbahnstation Kreuzboden
(2.400 m) oder Weißmieshütte (2.726 m)
Zustieg: Ab Kreuzboden 70 Minuten, ab Weißmieshütte 35 Minuten (ausgeschildert)
Gesamtdauer: 5-6 Stunden (bei mäßiger Kondition auch länger)
Abstieg: Gut eineinhalb Stunden zum Kreuzboden, zu Beginn des Sommers sind beim Abstieg oft noch Schneefelder zu queren.
Schwierigkeit: C-D
Exposition: Süd/Südwest
Kinder: Wegen der Länge der Tour nur bedingt empfehlenswert
Absicherung: Sehr gut – neben dem Drahtseil gibt es fünf Leitern und rund 400 Tritte und Griffe
Info: www.sac-saas.ch/documents/KlettersteigJegihorn.pdf, www.weissmies.ch

eine ganz schön wackelige Angelegenheit.“

„eine ganz schön wackelige Angelegenheit.“

 

5 Rotstock Klettersteig – Rotstock (2.663 Meter)
Nordwand-Feeling pur

Wer die „Weiße Spinne“ von Heinrich Harrer gelesen oder bei „Nordwand“ von Regisseur Philipp Stölzl im Kino mitgefroren hat, will die Eiger-Nordwand zumindest einmal gesehen haben. In der Wand selbst haben die meisten Bergsteiger allerdings nichts verloren. Sie riskieren bei der Auffahrt zum Jungfraujoch im Berner Oberland bestenfalls einen Blick durch das berühmte Stollenloch-Fenster. Der 260 Meter hohe Klettersteig auf den Rotstock bietet jedoch die Möglichkeit, den Ueli Stecks dieser Welt ganz nahe zu kommen. Genau betrachtet ist der Rotstock ein Vorgipfel des Eigers an dessen Westkante. Vom Tal aus gesehen wirkt er recht unscheinbar, was vor dem Panorama der gewaltigen Eigernordwand nicht überrascht. Der Klettersteig selbst ist mäßig und bietet auf 250 Höhenmetern feinste Kraxelei im Angesicht des Eigers. Schlüsselstelle ist eine senkrechte Stufe gleich nach dem Einstieg, die man mit Hilfe von Leitern überwindet. Später kommt man am Stollenfenster der ehemaligen Station Rotstock der Jungfraujochbahn vorbei. Bald darauf erreicht man einen kleinen Kessel, durchquert diesen und steigt zum Eiger-Westgrat auf. Von hier sind es noch wenige Minuten zum Gipfel, der eigentlich nur ein Gratturm ist. Hier oben kann man schon mal die nächsten Ziele anvisieren: Gleich gegenüber führt eine spannende Ferrata auf das Schwarzhorn (2.928 Meter), die mit B-C nur mäßig schwierig ist, aber mit spektakulären Leitern-Passagen aufwartet. Etwas anspruchsvoller ist der benachbarte Klettersteig von Mürren hoch über dem Lauterbrunnental, inklusive Nepalbrücke und Tyrolienne (darf nur mit Bergführer benutzt werden). Der Clou hier: Die Ferrata führt nicht nach oben, sondern nach unten. Wer also von der Begehung der beiden anderen Steige schon geschwächt ist, braucht sich hier um die Kondition weniger Sorgen machen. Aber Vorsicht: Mitunter ist es leichter aufzusteigen, als sich auf der Suche nach Tritten mühsam nach unten zu tasten. Übrigens sollte man bei Schnee, starkem Regen oder Vereisung um den Rotstock-Klettersteig einen großen Bogen machen. Schließlich möchte man nicht den Stoff für weitere Nordwand-Tragödien liefern.

 

Talort: Interlaken, mit der Bahn über Wengen oder Grindelwald zur Kleinen Scheidegg (2.061 m).
Ausgangspunkt: Station Eigergletscher (2.320 m) der Jungfraubahn
Zustieg: Von der Station Eigergletscher auf dem Eiger-Trail bis zur Grasschulter „Wart“, dann auf Wegspuren hinauf zum Einstieg auf 2.400 m hinter einem Felskopf, links der Rotstockschlucht;
Zustiegszeit: 45 Minuten
Gesamtdauer: 3 Stunden
Abstieg: Achtung: Dieser ist weit heikler und schwieriger als die Ferrata! – Zurück zum Sattel und nach Südwesten über Geröll und Plattenstufen (Steinmänner und Fixseile) zur Station Eigergletscher, bei Nässe sehr gefährlich, Konzentration und absolute Trittsicherheit erforderlich
Schwierigkeit: B
Exposition: Nord
Kinder: Ja, aber eventuell beim Abstieg ans kurze Seil nehmen
Absicherung: Gut, Gehgelände nicht versichert
Info: www.grindelwald.ch

„Turn-Übungen am Jegihorn: Bei starkem Wind „Und täglich grüsst die Eiger-Nordwand: Leitern-Passage am Rotstock-Klettersteig.“

„Turn-Übungen am Jegihorn: Bei starkem Wind „Und täglich grüsst die Eiger-Nordwand: Leitern-Passage am Rotstock-Klettersteig.“

 

Ausrüstungscheck
Leichtbergschuhe oder Kletterschuhe mit guter Profilsohle – Hüftgurt – Klettersteigset (Y-Form, 2 Karabiner mit Verschluss-Sicherung, Klettersteigbremse, zusätzliche Bandschlinge als Kurzfixierung zum Rasten)- Helm – Kurze Bandschlinge und Karabiner – Handschuhe – Ferner: Rucksack, Erste-Hilfe-Set, Biwaksack, Mobiltelefon, Kartenmaterial, wetterfeste Kleidung, Stirnlampe, Trinkflasche oder -schlauch und Verpflegung, dreiteilige Teleskopstöcke für Zu- und Abstieg, Kletterseil (bei sehr schwierigen Steigen und/oder schwächeren Kletterern), eventuell Steigeisen Axel Jentzsch-Rabl: Klettersteigführer Schweiz, 2012, Alpinverlag – Plus:www.bergsteigen.at, mit aktuellen Updates zu neuen Steigen in der Schweiz und im gesamten Alpenraum

Wer hat`s erfunden? 
Als erste „richtige“ Ferrata der Schweiz gilt der Tälli-Klettersteig in den Urner Alpen (Schwierigkeit: C). Der Pinut oberhalb von Flims ist zwar schon mehr als 100 Jahre alt, aber nur mit A bewertet – also eher ein Steiglein mit Stufen, aber ohne Leitern. Allerdings lockte er bereits zur Eröffnung im Jahr 1907 schwindelfreie Kurgäste an. Im Jubiläumsjahr 2007 wurde er komplett renoviert (www.klettersteig-flims.ch). Der Steig führt in durchaus verwegener, aber eben nie schwieriger Linienführung durch die senkrechten und durch zwei markante Waldterrassen gegliederten Abbrüche des Flimsersteins.

 

 

Text Günter Kast Fotos Axel Jentzsch-rabl

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