Eiskalte Bedrohung: Risiko Gletschersee

Sowohl durch das starke Abschmelzen der Gletscher als auch durch die Zunahme von Felsstürzen sind die Risiken durch Gletscherseen in den Alpen immer schwerer zu kalkulieren.Gletschersee_2009_05_23

Gletscherseen gehören zu den imposantesten Naturphänomenen in den Hochgebirgen – aber teilweise auch zu den gefährlichsten. Denn durch das immer stärkere Abschmelzen von Gletschern bilden sich oft immer größere glaziale Seen hinter Moränen oder Eisdämmen. Und genau diese Dämme sind vergleichsweise instabil und können plötzlich durchbrechen,wodurch oftmals riesige Wasser- und Schuttmengen abfließen und darunterliegende Talschaften bedrohen. So warnten die französischen Gletscherforscher Didier Richard und Michel Gay bereits vor zehn Jahren: „Fluten von Gletschern stellen generell das größte und weitreichendste glaziale Risiko mit dem höchsten Katastrophen- und Schadenspotenzial dar.” Ein Ausbruch eines Gletschersees kann durch verschiedene Faktoren ausgelöst werden: Eis- oder Steinlawinen. Das Brechen des Moränendamms aufgrund des Abschmelzens von eingelagertem Eis. Das Auswaschen von Feinmaterial durch Quellen, die durch den Damm fließen. Oder durch plötzlichen Zufluss von Wasser in den See, beispielsweise durch starken Regen oder das Abfließen von Wasser aus höher liegenden Gletscherseen.

Durch das klimabedingte Verschwinden mancher Gletscherseen wird die Bedrohung teilweise zwar geringer, an anderen Orten entstehen hingegen neue glaziale Damoklesschwerter, wie bereits vor Jahren der Schweizer Glaziologe Professor Wilfried Haeberli betonte: „In vielen Fällen ist durch den deutlichen Rückzug der Gletscher während des 20. Jahrhunderts die Situation weniger gefährlich geworden, aber andererseits haben sich neue Seen an Stellen gebildet, an denen nie zuvor Seen gewesen waren.”

Gute Beispiele für diese zweischneidige Entwicklung findet man im Kanton Wallis. Während der äußerst bedrohliche Märjelensee wegen des Rückzugs des angrenzenden Aletschgletschers nahezu verschwunden ist, entstanden am Fuß des Fletschorns sechs neue Gletscherrandseen. Einer davon brach im Sommer 1968 aus und verursachte schwere Schäden im Dorf Saas Balen. Ein ähnlicher Vorfall ereignete sich nur zwei Jahre später im Sommer 1970, als derselbe See ein zweites Mal ausbrach. Stollen_Linienführung1

Neuere Beispiele findet man vor allem in den Berner Alpen. Ab 1998 begann sich ein Gletschersee zwischen der Zunge des Triftgletschers und einem Felsriegel zu bilden. Im Hitzesommer 2003 zerfiel die Zunge in ein Puzzle aus Eisbergen. Bereits 2004 waren die meisten geschmolzen. Der neue See blockierte den Zugang zur Trifthütte. Um den Hüttenzustieg wieder zu öffnen, wurde die höchste Hängeseilbrücke Europas gebaut. Seitdem besteht eine Sorge vor Hochwasser, weil aus dem Eisfall des Triftgletschers hinter dem See beträchtliche Eismassen abstürzen könnten. Sie würden große Wellen auslösen, die im Gadmertal zu Überschwemmungen führen könnten. Deshalb wird der Triftgletscher mittels automatischer Kameras
genau beobachtet, um eine potenzielle Bedrohung möglichst frühzeitig erkennen zu können.

Sehr gut untersucht sind die Entwicklungen am Unteren Grindelwaldgletscher. Seit 2000 führte auftauender Permafrost zu einer Zunahme von Murgängen. Im Mai 2005 stürzten auf der Stieregg 650.000 Kubikmeter Moränenmaterial zu Tal und rissen ein Gasthaus mit sich. Im Sommer 2006 lösten sich an der Ostflanke des Eigers rund zwei Millionen Kubikmeter Fels. Als Folge der Ereignisse bildete sich seit 2005 ein Gletschersee, der sich spontan im Juni 2006 und Mai 2008 entleerte. Als gefährdet galt seitdem nicht nur Grindelwald, sondern das gesamte Tal der Lütschine bis zur Einmündung in den Brienzersee. Im Mai 2008 füllte sich der Gletschersee bis auf 800.000 Kubikmeter und floss dann aus. Ein Jahr später schwoll der See erneut an und erreichte im Mai 2009 1,7 Millionen Kubikmeter. Die daraus resultierende Abflussspitze bei einem Seeausbruch hätte Werte in der Größenordnung des Hochwassers 2005 erreichen können. Glücklicherweise fand dieser nicht statt. Wegen der unkalkulierbaren Bedrohung entschlossen sich die Verantwortlichen als Schutzmaßnahme zu einem Bau eines zwei Kilometer langen Entwässerungsstollens. (Siehe: Hot Spot). 2010 bedrohte ein riesiger Gletschersee Hunderte Familien im Mont-Blanc-Massiv. Man pumpte damals das Wasser aus dem See in 3.200 Metern Höhe ab. Der See hatte sich in einer Gletscherhöhle gebildet, die keinen natürlichen Ablauf hatte und deshalb hätte bersten können. Gletscherforscher hatten eine Ansammlung von 65.000 Kubikmetern Wasser in dem Berg festgestellt. Im Dezember 2011 wurden schließlich im Schnalstal eine Skipiste und die Hauptstraße gesperrt sowie ein Campingplatz wegen eines Gletscherseeausbruchs evakuiert. Ursache des massiven Wasseraustritts in der Nähe der „Schöne Aussicht” Hütte war ein Damm aus Schnee und Eis, der den Abfluss des Wassers verhinderte und schließlich unter der Wasserlast brach.

Hot Spot
Grindelwaldgletscher
Grindelwald_Gletschersee_2009_05_29
Der im März 2010 fertiggestellte Abflussstollen unterhalb des Gletschersees ist rund zwei Kilometer lang und sorgt dafür, dass das Seevolumen nur bis zum Stolleneinlauf ansteigen kann. Dadurch kann das maximale Seevolumen auf rund 120.000 Kubikmeter, statt weit über eine Million Kubikmeter begrenzt werden. Bereits einen Monat nach der Einweihung flossen im April 2010 zum ersten Mal 3.000 Liter pro Sekunde aus dem Gletschersee in den Stollen ab. Dieser leitet das Wasser im Berginnern um den Damm herum, welcher den Gletschersee aufstaut, und gibt es bei einem Stollenfenster über einen 140 Meter hohen Wasserfall in die Lütschine wieder ab. Eine tolle Animation zu den Wasserschwankungen findet man auf www. gletschersee.ch

What2do

Das Gefahrenpotenzial bestehender und neu entstandener Seen sowie glaziale Risiken generell können sich innerhalb kurzer Zeit ändern, insbesondere, weil in einigen Gebieten der Alpen Infrastruktur und Siedlungen erst in jüngster Zeit entstanden sind. „Die Gefahren übersteigen den Erfahrungshorizont. Alte Chroniken und Aufzeichnungen erweisen sich unverhofft als ungültig und neue Gefahren können plötzlich an Stellen auftreten, die früher als sicher galten. Aufgrund dieser Entwicklung müssen neue Gefahrenkarten erstellt werden, gekoppelt mit einer konstanten Überwachung, da Veränderungen sehr schnell eintreten”, fordert daher der Glaziologe Haeberli.

 

 

 

Text: Michael Pröttel Fotos: Oberingenieurkreis I, Nils Hählen

 

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