Pitztal: Sherpa Kales Glück im Taschachhaus

Benni Raich, Christoph und Barbara Eder, Kale, Tashi Tenzing und Wolfgang Nairz am Taschachhaus, © Chris Walch / TVB Pitztal

B. Raich, C. und B. Eder, Kale, Tashi Tenzing und Wolfgang Nairz, © Chris Walch / TVB Pitztal

Sein Großvater ist Tenzing Norgay Sherpa, dem 1953 mit Edmund Hillary die Erstbesteigung des Mount Everest gelang. Gemeinsam mit dem ehemaligen Pitztaler Skistar Benni Raich und dem Innsbrucker Nepalexperten Wolfgang Nairz machte sich Tashi Tenzing am 9. August auf, um das Dach Tirols – die Wildspitze auf 3.774m – zu begehen. Doch auch gegen einen Sherpa gewinnt einmal der Berg. Aufgrund der schlechten Wetterlage sah sich das Trio und ihre Begleiter – unter ihnen M4U-Autorin Petra Rapp – gezwungen, ihre gemeinsame Wildspitzbegehung verfrüht abzukürzen. Stattdessen genoss man in tieferen Lagen Spaltenhopping und Abseilen in Gletscherspalten. Gegen Mittag wurde die Gruppe von Christoph Eder und Sherpa Kale am Taschachhaus (2.434m) empfangen.

Sherpa Kale, © Chris Walch / TVB Pitztal

Sherpa Kale, © Chris Walch / TVB Pitztal

Er hat Tränen in den Augen, als er den Gästen von seinen Aufgaben hier oben im Taschachhaus in den Ötztaler Alpen erzählt. Sicher, er ist aufgeregt. Vor so vielen und auch so wichtigen Leuten zu reden, noch dazu in Englisch, das er zwar inzwischen ein wenig, aber noch nicht wirklich gut beherrscht, ist er nicht gewohnt. Aber es sind vor allem Tränen der Rührung und der Dankbarkeit für Barbara und Christoph Eder, die beiden Wirtsleute der DAV-Hütte, die Kale Lama (34) aus Nepal hierher geholt und ihm damit eine Zukunftsperspektive gegeben haben. Tränen der Dankbarkeit für Wolfgang Nairz, der vor 12 Jahren mit seinem Projekt „Nepalhilfe Tirol“, das Ganze überhaupt für Kale und die vielen anderen nepalesischen Hüttenhelfer in Tirol ins Rollen brachte und Dankbarkeit für den ebenfalls anwesenden Tashi Tenzing Sherpa, der sich wie Nairz als Botschafter Nepals unermüdlich für eine bessere Ausbildung der Kinder, die Realisierung von Hilfsprojekten und gegen korrupte Politiker in seiner Heimat einsetzt. Aber es sind auch wehmütige Tränen des Abschieds, weil Kale im Oktober das Taschachhaus, wo er jetzt vier Jahre lang so viel gelernt hat und glücklich war, wieder verlassen muss. Klar freut er sich auf seine Frau, die gerade das zweite gemeinsame Kind erwartet, seine Familie und die Freunde im Khumbu Tal im Nordosten Nepals. Aber Barbara, die Psychologie studiert hat, und Christoph, der Sozialpädagoge, sind für ihn doch irgendwie auch zur Familie geworden.

© Chris Walch / TVB Pitztal

Christoph und Barbara mit Kale, © Chris Walch / TVB Pitztal

Barbara und Christoph waren selbst früher viel in Nepal beim Bergsteigen und von den in extremer Armut lebenden, aber immer herzlichen Menschen und deren Einsatzbereitschaft berührt und begeistert. „Wir haben bereits vor 15 Jahren, noch bevor es die „Nepalhilfe Tirol“ gab, erste Nepalesen zu uns auf die Hütte geholt. Ich habe seither nur gute Erfahrungen mit ihnen gemacht und würde gerne mehr Sherpas hier haben. Die Leute lernen unwahrscheinlich schnell und sind nach dem ersten Jahr eine große Stütze. Uns graut schon sehr, wenn Kale nächste Saison nicht mehr kommt und wir wieder mit einem neuen Nepalesen bei Null anfangen müssen,“ erzählt Christoph.

Wolfgang Nairz, © Chris Walch / TVB Pitztal

Wolfgang Nairz, © Chris Walch / TVB Pitztal

Die derzeitige Gesetzeslage in Österreich erlaubt es den Nepalesen, vier Mal als Hüttenhelfer nach Tirol zu kommen. Sie arbeiten angestellt nach Kollektivvertrag als sogenannte „Saisonier“. „Es ist alles inzwischen sehr stark reglementiert und durch die Flüchtlingssituation in Europa nicht unbedingt leichter geworden“, erklärt Wolfgang Nairz. „In Tirol gibt es nur 300 Saisonierplätze im Jahr für den gesamten Tourismusbereich und es müssen laut Gesetz immer auch europäische Bewerber bevorzugt werden. Wir haben deshalb insgesamt in Tirol nur 25 bis 30 Plätze pro Saison für Sherpas“, so Nairz, der in diesem Herbst bereits zum neunzigsten Mal nach Nepal reisen wird. Vor 12 Jahren hat der Innsbrucker, der 1978 als erster Österreicher den Mount Everest bezwang, das Projekt „Nepalhilfe Tirol“ ins Leben gerufen: 26 Hütten in Tirol, darunter von Anfang an das Taschachhaus im Pitztal, beteiligen sich daran. Sie stellen Praktika für nepalesische Hüttenbetreiber und ihr Personal zur Verfügung, vermitteln Kenntnisse in Müllvermeidung, Wassermanagement und vielem mehr. Dieses Wissen wandert mit ihnen zurück in die Heimat und verbessert dort Schritt für Schritt den Umgang mit Ressourcen und auch den Service für Nepal-Touristen. Es gibt zwar im Alpenraum vereinzelt Hüttenwirte, die sich auf eigene Faust Hilfe aus Nepal organisieren, aber ein Projekt in dieser Größenordnung gibt es nur in Tirol. „Eine Win-Win-Situation für alle,“ sagt Christoph. „Der Hüttenwirt lernt ihnen viel und er selbst hat eine große Hilfe, die auch nicht davonläuft, wenn es hart wird. Europäische Hüttenhelfer sind nämlich oft nicht in der Lage, sich im Gelände so gut zu bewegen und wollen oft unangenehme Arbeiten auch nicht verrichten. Sie gehen dann einfach“, erzählt Christoph aus eigener Erfahrung.

Von dem verdienten Geld kann Kale sich und seiner Familie eine Zukunft in Nepal aufbauen. In einer Saison verdient er im Pitztal zwischen 5000 und 7000 Euro. „Das sind umgerechnet 700.000 Rupie. Ein Vermögen für einen Nepalesen, weshalb es für jeden dort wie ein Sechser im Lotto ist, wenn er zum Arbeiten nach Tirol kommen darf. Ein Lehrer verdient in Nepal in etwa 15.000 Rupie im Monat, ein Arzt 30.000 Rupie“, so Nairz, der sich deshalb vor Anfragen aus Nepal derzeit auch kaum retten kann. Im bettelarmen, von der Erdbebenkatastrophe im April 2015 noch schwer gezeichneten Himalaya-Staat ist bezahlte Arbeit Mangelware. Deshalb darf auch jeder nur maximal vier Jahre kommen, damit möglichst viele etwas von diesem Projekt haben. Wichtig ist ihm, dass sich die Hüttenwirte die Bewerber möglichst selbst aussuchen, um auch klar zu kommen mit ihnen.

Tashi Tenzing, (c) Petra Rapp

Tashi Tenzing, (c) Petra Rapp

Christoph hat Kale vor einigen Jahren bei einer Tour im Himalaya entdeckt, wo Kale als Träger mit dabei war. „Ein kleiner, verdammt zäher Kerl, der kein Wort Deutsch oder Englisch sprach, aber extrem aufmerksam war und zupacken konnte. Ich wusste sofort, der kann mehr und dem will ich helfen“. Der Kontakt blieb, Kale kam und wurde fast schon zum Ziehsohn. Christoph ist es wichtig, dass er viel lernt und schaut sich genau an, was Kale mit seinem Geld macht. „Ich habe schon öfter erlebt, dass das Geld sich bei einigen sehr schnell in Luft aufgelöst oder die Familie es für größere Feierlichkeiten eingefordert hat. Ich will aber, dass er sich damit auch wirklich etwas aufbaut. Deshalb habe ich mir das Grundstück auch vor Ort genau angeschaut, das er von dem hier verdienten Geld gekauft hat, um dort jetzt ein kleines Haus für seine Familie zu bauen.“ Viel Empathie und vorbildliche Hilfsbereitschaft im Taschachhaus. Tashi Tenzing: „Hillary und Tenzing sollen vom Himmel runterschauen und sehen, dass wir etwas für das Volk Nepals tun. Dass etwas weiter und vorwärts geht.“

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