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Bergunfallstatistik: Zahl der Bergnotfälle steigt

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Bergsport ist schön, aber nicht ungefährlich. Die neueste Bergunfallstatistik 2015, die gestern in München vorgestellt wurde, besagt zwar, dass das Risiko, beim Bergsport tödlich zu verunglücken, seit mehr als 60 Jahren glücklicherweise deutlich sinkt, seit den 90er Jahren aber alpine Notfälle insgesamt leicht zunehmen. „Berge sind kein Videospiel, kein Fake. In unserer digitalisierten Welt sind doch viele von den tatsächlichen Gegebenheiten am Berg überrascht. Auch davon, dass diese echten Naturerlebnisse auch mit echten Gefahren verbunden sein können“, sagt Stefan Winter, u.a. Ressortleiter Sicherheitsforschung beim Deutschen Alpenverein (DAV).

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C. Hummel, DAV (c) P.Rapp

Dass immer mehr und auch immer mehr unerfahrene, schlecht vorbereitete Menschen auf falsch gewählten Touren in die Berge gehen und im Notfall die Alarmierung mit Handy nahezu reibungslos funktioniert, dürften wichtige Gründe für die Zunahme der Notfälle sein. „Ein weiterer ist mit Sicherheit die Übermotivation, mit der viele Bergsportlerinnen und Bergsportler an ‚Prestigebergen‘ wie der Zugspitze oder dem Watzmann unterwegs sind“, meint Christoph Hummel von der DAV Sicherheitsforschung.

„Blockierungen“ werden deutlich mehr

Seit 1952 gibt es die DAV-Bergunfallstatistik, in der ausschließlich die Unfälle von DAV-Mitgliedern erfasst werden – unabhängig davon, wo diese Unfälle passieren.  Seitdem ist die Zahl der Mitglieder um den Faktor elf gewachsen. Die Zahl der tödlich verunfallten Mitglieder ist im gleichen Zeitraum – mit wenigen Ausreißern zwischendurch – nahezu gleich geblieben. Insofern ist das Risiko eines tödlichen Bergunfalls auf ein Elftel gesunken. Nicht ganz so eindeutig hat sich das Risiko für Bergnotfälle insgesamt (Unfälle mit Todesfolge, Unfälle mit Verletzungsfolgen, Notlagen ohne Verletzungsfolgen) entwickelt: Nach einem deutlichen Rückgang bis in die 80er Jahre ist seit den 90er Jahren ein leichter Anstieg zu verzeichnen. Verantwortlich dafür sind insbesondere die so genannten Blockierungen, also Situationen, aus denen sich Bergsteigerinnen und Bergsteiger ohne Hilfe von außen nicht mehr befreien können. Diese bleiben meist ohne Verletzungsfolgen, machen aber einen Rettungseinsatz nötig. Die Anzahl der Blockierungen steigt seit 20 Jahren stärker an als das Mitgliederwachstum. Neben den tödlichen Unfällen und den Blockierungen sind die Unfälle mit Verletzungsfolgen die dritte Art der Bergnotfälle. Im Verhältnis zum Mitgliederwachstum bewegen sich diese Unfälle auf einem stabilen Niveau.

Alarmierungen per Mobiltelefon deutlich gestiegen

Waren es in den Jahren 2002/03 noch 56 Prozent aller Alarmierungen, die per Mobiltelefon bei den Rettungsdiensten eingegangen sind, so sind es inzwischen über 80 Prozent. Damit einher gegangen ist eine Verminderung der Alarmierungsschwelle: Die Bergsportlerinnen und Bergsportler rufen die Bergrettung früher als zuvor. Die Rettungsdienste und der Alpenverein sehen das aber nicht negativ, im Gegenteil: Viele schwerwiegende Unfälle werden dadurch vermutlich verhindert. Weitere Vorteile der großen Verbreitung der Mobiltelefone: Die zu Rettenden können leichter geortet werden und über ihren Zustand bzw. die Situation vor Ort liegen bessere Informationen vor.

Zu leichtsinnigem Verhalten sollte die Mitnahme eines Mobiltelefons allerdings nicht verleiten. Die wirksamsten Maßnahmen zur Vermeidung von Unfällen sind – unabhängig von der jeweiligen Bergsportdisziplin – die richtige Selbsteinschätzung, eine entsprechende Tourenauswahl und eine an den aktuellen Verhältnissen ausgerichtete Tourenplanung.

Notfälle in heißen Sommern

Der Klimawandel ist in den Alpen an vielen Faktoren ablesbar – und inzwischen eben auch an den Notfallzahlen. Deutlich sichtbar wird das an den heißen Sommern 2003 und 2015: In beiden Jahren kamen Notfällen wegen Dehydrierung und Erschöpfung dreimal so häufig vor wie sonst. Besonders warm waren in den Alpen übrigens auch die Jahre 2007, 2011 und 2014. Wegen der eher unstabilen Witterung fielen die Notfallzahlen in diesen Jahren aber nicht auffällig aus.

Blockierungen an Klettersteigen

Diese Bergsportdisziplin ist stark im Trend, dementsprechend gibt es auch immer mehr Unfälle und Notfälle. Auffallend beim Klettersteiggehen ist die große Zahl der Rettungen Unverletzter: Solche Notfälle machen die Hälfte aller Meldungen an Klettersteigen aus. Betroffen sind vor allem die Unerfahrenen, und zwar mehr als bei jeder anderen Bergsportdisziplin.

Hallenklettern: Einbindefehler sind die einzige Todesursache
©DAV-Thilo-Brunner

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Im Jahr 2015 sind 203 Unfälle in 61 Kletteranlagen gemeldet worden. Verglichen mit den vielen hunderttausend Kletterhallenbesuchern ist diese Zahl sehr niedrig. Statistisch gesehen müsste ein durchschnittlicher Kletterer, der einmal in der Woche für drei Stunden in die Halle zum Klettern geht, über 300 Jahre aktiv sein, bis ein Unfall passiert. Wie bereits in den Jahren zuvor hat sich gezeigt, dass das Verletzungsrisiko beim Bouldern deutlich höher ist als beim Seilklettern. Beim Bouldern passieren allerdings eher Unfälle mit leichteren Verletzungen an den Extremitäten. Beim Seilklettern ist dagegen das Risiko einer schweren Verletzung deutlich höher. Seit dem Jahr 2000 haben sich in Kletterhallen in Deutschland acht tödliche Unfälle ereignet. Alle acht Unfälle sind auf Einbindefehler zurückzuführen – also darauf, dass sich die Verunfallten falsch mit dem Sicherungsseil verbunden haben. Diese eindeutige Erkenntnis hat den DAV dazu veranlasst, seine Kampagne „Partnercheck“ zu intensivieren und ein neues Plakat herauszugeben. Es soll die Kletterinnen und Kletterer in möglichst vielen Kletterhallen daran erinnern, dass sich die Seilpartner vor dem Losklettern gegenseitig kontrollieren. Bei korrekter Durchführung des Partnerchecks können die allermeisten schweren Unfälle verhindert werden.

R. Ampenberger, (c) P. Rapp

R. Ampenberger, (c) P. Rapp

8148 Bergwacht-Einsätze

Auch die Bergwacht Bayern hatte im Jahr 2015 viel zu tun und musste über 8000 mal ausrücken. 7159 der Einsätze waren Notfälle, deren Hauptursachen Roland Ampenberger, Sprecher bei der Bergwacht Bayern, ebenfalls in falscher Planung und fehlender Erfahrung der Bergsportler sieht. „Bergsteigen ist gesund und richtig und absolute Sicherheit im Leben gibt es nicht. Aber diese grundlegenden Risikofaktoren gilt es zu vermeiden, um sicher und mit viel Spaß in den Bergen unterwegs zu sein.“

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www.petra-rapp.blogspot.com

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