Foto Petra Rapp

Glückliche Mädels im Abseits

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Mountains4U-Autorin Petra Rapp war unterwegs bei den Kästle Powder Department Ladies Days am Stubaier Gletscher: 

Angesprochen auf ihren glanzvoll schimmernden Lidschatten und ihre mit Swarowski-Edelsteinen verzierte Handyhülle, meint Steffi: „Wenn das Leben Dich nervt, streu‘ Glitzer drauf!“ Sie kommt aus Essen, arbeitet für einen Insolvenzverwalter und ist noch ziemlich müde so um kurz vor 7 Uhr morgens. „Ich glaube, ich habe bisher noch nie im Urlaub bei Dunkelheit gefrühstückt“, sagt sie. Ja, man würde Steffi beim ersten Eindruck eher auf den exklusiven Pisten des Arlbergs oder Engadins oder im Nachtleben von Ischgl vermuten, anstatt hier am Stubaier Gletscher, wo sie später in lässiger Freeride-Montur samt Lawinenrucksack und sämtlichen LVS-Gerätschaften ins handfeste Off-Piste-Abenteuer starten wird. Steffi ist ein Paradebeispiel dafür, dass man jegliche Vorurteile zuhause lassen sollte, lässt man sich auf ein Wochenende mit 28 Mädels ein. Und dafür, dass es wie so oft im Leben der zweite, meist tiefere Eindruck ist, der das Leben bereichert.

Lernen, selbst Entscheidungen zu treffen

Foto Petra Rapp

Es ist eine bunt gemischte Truppe von Frauen zwischen Anfang 20 bis Ende 50, die hierher zu den „Kästle Powder Departement Ladies Days“ gekommen ist. Sie alle fahren verdammt gerne Ski. Einige sind Wiederholungstäterinnen, viele andere wollen Neues kennenlernen und haben einfach mal ihre Männer zuhause gelassen, um das Abenteuer Freeriden von einer ganz anderen Seite zu erfahren.

Irene Walser_Foto Daniel Hug_terragraphy.de

„Die Frauen sollen hier vor allem Spaß haben, Freundinnen und Gleichgesinnte kennenlernen. Viele Skifahrerinnen sind heiß auf‘s Freeriden, waren aber bisher meist mit ihren Männern unterwegs, denen sie einfach hinterhergefahren sind. Die meisten trauen es sich selbst nicht zu, im Gelände Entscheidungen zu treffen. In unserem Camp wollen wir ihnen grundlegende Dinge beibringen, um für sich selbst entscheiden zu können, ob sie einen Hang befahren können oder wollen, oder auch nicht“, sagt Irene Walser.

Linda Meixner von Kästle hilft bei der Skiauswahl, Foto P. Rapp

Die Vorarlbergerin ist Initiatorin der „Kästle Powder Departement Ladies Days“, die in diesem Jahr zum zweiten Mal hier am Stubaier Gletscher stattfinden. „Das Interesse an Frauencamps ist enorm. Ich habe gesehen, wie stark die Bikecamps für Frauen im Sommer gefragt sind und dachte mir, das muss doch im Winter auch funktionieren.“ Tut es, wie die Nachfrage zeigt. Über 40 Frauen waren in diesem Jahr noch auf der Warteliste und müssen auf das nächste Jahr hoffen, eines der preislich sehr attraktiven Packages (369,– €) mit zwei Übernachtungen mit Halbpension im 4-Sterne-Hotel, 2-Tagesskipass, hochwertigem Test- und Leihmaterial (Kästle-Ski, Ortovox Lawinenrucksäcke und Sicherheitsequipment, POC Helme und Brillen), intensivem Safety-Briefing samt Guiding und noch einigen Extras zu ergattern.

Perfektes Areal am Stubaier Gletscher

Foto Petra Rapp

„Fette“ Powdertage sind es zwar diesmal nicht im „Powder Department“ am Stubaier Gletscher, das bis Ende Januar nicht gerade verwöhnt wurde mit Neuschnee, aber dafür strahlt die Sonne umso mehr. Das Gletscherskigebiet hat sich in den letzten Jahren vorbildlich für den wachsenden Ansturm der Offpiste-Fans gerüstet: mit kartographierten Abfahrten – 13 Freeride-Runs sind in einer eigenen Off-Piste-Karte und als GPS-Tracks erfasst worden -, mit Streckenvideos, die die Routendetails visuell zeigen, mit speziellen Freeride-Checkpoints samt Infotafeln und LVS-Checkstation sowie eigenem Trainingsgelände zur Verschüttetensuche.

Patrick Ribis, Foto Petra Rapp

Patrick Ribis ist einer der vier staatlich geprüften Berg- und Skiführer, die sich mit den Mädels auf den Weg machen. Aber warum nur männliche Guides bei einem Frauencamp? „Da habe ich selbst die Erfahrung gemacht, dass sich soviele Frauen auf einem Haufen von einem Mann als Guide schon noch ein bisschen mehr pushen lassen. Wir hatten auch schon weibliche Guides, aber die sind da oft zu sanft. Ein männlicher Guide sagt einfach ‚Das kannst Du schon, fahr einfach runter, das schaffst Du schon‘ – da lassen sich die meisten Mädels doch eher positiv animieren“, meint Irene. Und wie finden die Guides das, mit so einem reinen Mädelhaufen unterwegs zu sein? „Frauen sind extrem dankbare Gäste, die sich super führen lassen – und das fast immer auch wollen. Auf jeden Fall ein Traumjob“, sagt Patrick und lacht. Der gelernte Koch hat vor Jahren sein Hobby zum Beruf gemacht und sich als geprüfter Berg- und Skiführer ganz auf das Freeriden spezialisiert. „Strictly Off Piste“, so das Motto des Freeride Center Stubai (Sitz in Neustift), das er leitet.

Umfassendes, alpines Erlebnis

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„Einfach lässig cruisen“ heißt das Motto, das er den Mädels seiner Gruppe heute nach einem ersten Vertrautmachen mit der Leihausrüstung und LVS-Check für die nächsten Tage mit auf den Weg gibt. „Aber bitte immer mit Komfortabständen fahren und immer oberhalb des Guides stehenbleiben, sonst kracht es schnell mal. Sicherheit hat immer oberste Priorität!“ Er lässt keines der Mädels aus dem Auge, als er sich erstmals mit ihnen in steilere Gefilde im freien Gelände wagt. „Am Anfang jedes Runs steht immer der Geländecheck: Ihr müsst stehenbleiben und Euch den Hang genau anschauen, bevor ihr reinfahrt. Bei schlechter Sicht oder zu hohem Gefahrenpotential, müsst ihr den Mut haben, Nein zu sagen und umzudrehen! Hört da ruhig auch ein bisschen auf Euer Bauchgefühl! Ihr müsst einen Handlungsplan entwickeln: Kann ich und wie kann ich den Hang befahren? Wenn ihr Euch für eine Abfahrt entscheidet, dann bitte auch entschlossen reinfahren.“ Das traut sich am Anfang noch nicht jede. Einige kämpfen mit der Skitechnik im schwierigen Gelände mit harschigem Schnee, andere fahren zu langsam und fühlen sich doch ein bisschen unter Druck in der noch ungewohnten Gruppe. Patrick spricht Mut zu und mit jeder Abfahrt wächst das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten.

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„Die Natur ist wie ein Buch, das man lesen muss“, sagt er und nimmt die Mädels vor einer Gletscherquerung im freien Gelände ans Seil. Er erklärt, warum es wichtig ist, sich nicht nur den Hang vor einem, sondern das ganze Gelände in der Umgebung anzuschauen. „Die richtige Perspektive ist wichtig, einen Hang richtig zu beurteilen. Steiler werdende Kuppen sind immer gefährlich am Gletscher, da bricht das Eis meist auf, weshalb da immer Spalten sein können“, erklärt er unter anderem.

Foto Petra Rapp

Spalten sind eine Gefahr am Gletscher, Lawinen eine andere. Im Notfall zu wissen und immer wieder zu üben, was zu tun ist, gehört zur Pflichtübung aller Off-Piste-Fahrer/innen und wurde den Frauen bei der lawinenkundlichen Theorieeinheit am ersten Abend von den Bergführern noch einmal verdeutlicht. Für Patrick ist aber Prävention der sicherste Schutz vor einer Verschüttung, weshalb es ihm extrem wichtig ist, dass die Mädels lernen, die Gefahren eines Hanges schon im Vorfeld richtig zu beurteilen. Die Ladies sollen nämlich auch ohne männliche Begleitung jede Situation am Berg im Griff haben. Im Moment hat allerdings er sie fest im Griff. Gottseidank, denn das Abseilen in die „Glamersgrubn“, was so viel wie „Geröllhalde“ heißt und ob des ziemlich steinigen Untergrunds auch passt, ist für viele eine andere hochalpine Erfahrung, der sie an diesem Wochenende erstmals begegnen. Wie man danach in dem steilen Gelände wieder seine Ski anschnallt oder sich mit den Brettern an den Beinen sicher in die richtige Richtung dreht zwei weitere Herausforderungen, für die Patrick aber sofort gute Tipps parat hat.

Foto Petra Rapp

Wieder was gelernt, sagt Monika. Ziemlich viel sogar, meint Claudia am späten Sonntagnachmittag, als alle das Wochenende bei einem letzten Cocktail ausklingen lassen, Erfahrungen und noch letzte Telefonnummern austauschen. Für einen nächsten gemeinsamen Run, dann hoffentlich im frischen Powder.

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www.petra-rapp.blogspot.com

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